Vor 110 Jahren veröffentlichte Friedrich Engels die Kritik von Marx am Gothaer Programm

Mario Hesselbarth

Dixi et salvavi animaman meam 1

"Gestern schickte ich Dir eingeschrieben das Manuskript von Marx, an dem Du Deine Freude haben wirst." 2 Mit dem Manuskript meinte Engels die Kritik von Marx am Gothaer Programm von 1875. Er glaubte "eine Unterschlagung zu begehen, wenn ich dies wichtige - vielleicht das wichtigste - in diese Diskussion einschlagende Aktenstück der Öffentlichkeit noch länger vorenthielte." 3 Deshalb übergab Engels das Manuskript Karl Kautsky, Chefredakteur der "Neuen Zeit", dem Theorieorgan der Sozialdemokratischen Partei. Das die Veröffentlichung die SPD-Reichstagsfraktion und den Parteivorstand in helle Aufregung versetzte, muß angesichts des Inhalts jener Marxschen Kritik nicht verwundern. Denn Marx hatte 1875 nicht nur einige Passagen bemängelt, sondern das Kompromißprogramm und seine Autoren in Grund und Boden kritisiert, da er es für durchaus verwerflich und für die Partei demoralisierend hielt. Die Reichtagsfraktion sah sich genötigt, eine Erklärung gegen den marxschen Brief abzugeben. Der "Alte" in London nahm's gelassen. "Inzwischen werde ich von den Herren geboykottet, was mir ganz recht ist, da es mir manche Zeitverschwendung erspart. Gar zu lange wird´s ohnehin nicht dauern..." 4

August Bebel gegenüber, einem der Adressaten der Gothaer Programmkritik, war Engels jedoch bemüht, seinen Schritt ausführlich zu begründen und zu erklären. "so könnt ihr wahrlich nichts dagegen haben, daß man jetzt, nach 15 Jahren, die Euch zugegangene Warnung veröffentlicht. Das stempelt Euch weder als Dummköpfe, noch als Betrüger, es sei denn Ihr nehmt für Eure amtlichen Handlungen Unfehlbarkeit in Anspruch." 5

Nach der Verabschiedung des Erfurter Programms blieb der Brief von Marx innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung lange Zeit ohne Beachtung. Erst Lenin "entdeckte" die Schrift von Marx und verwendete sie in seinen Überlegungen zu "Staat und Revolution" und etwas später gegen den Renegaten Kautsky. Eine bessere Begründung hätte er für seine Staats- und Revolutionsauffassung beim großen Meister auch nicht finden können als jene Stelle, in der Marx von der politischen Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus spricht, "deren Staat nicht anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats." 6 Folgerichtig war dies auch für die SED-Geschichtsschreibung das wichtigste Moment der Marxschen Programmkritik. 7

Was Marx unter der Diktatur des Proletariats verstand war jedoch genau das Gegenteil vom sowjetischen Sozialismusmodell, welches Lenin begründete und das 7 Jahrzehnte lang praktizierte wurde.

In der Abschaffung von Heer und Verwaltungsbürokratie, den beiden wichtigsten Stützen jeder Staatsmacht, dem Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger zu den gesetzgebenden und zugleich vollziehenden Körperschaften (der Pariser Kommune), dem offenen und transparenten Agieren dieser Verwaltungskörperschaften und dem weitestgehenden Verzicht auf staatliche Repression gegenüber Andersdenkenden sah Marx, "die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte." 8 Engels schrieb in seiner Einleitung zum "Der Bürgerkrieg in Frankreich": "Seht Euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats." 9

Jener lange Wisch, den zuschreiben Marx nach eignem Bekunden kein Vergnügen bereitete, 10 hat jedoch nichts an Aktualität für sozialistische Programmdiskussionen eingebüßt. Sowohl für das grundlegend methodische als auch für das prinzipielle (nicht dogmatisches) Herangehen kann man gerade in dieser Marxschen Schrift einige wichtige Anhaltspunkte finden. (Gerade vor dem Hintergrund der Diskussion innerhalb der PDS, wie und in welchen Zeiträumen das neue Programm erarbeitet werden soll, lohnt ein kritisches (Neu- bzw. Nach)- Lesen der Randglossen, und sei es zum Zweck der eigenen politischen Bildung).

Gabi Zimmer ist nur zuzustimmen, wenn sie darauf aufmerksam macht, daß es in der derzeitigen Situation vor allem darauf ankommt, den Abschnitt 4 unseres Parteiprogramms, die alternativen Entwicklungswege der PDS weiter auszuformulieren, konkrete Projekte und Handlungsschritte aufzuzeigen und praktisch umzusetzen. 11 Denn "Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Duzend Programme". 12

Dies ist zugegeben schwieriger als ideologischer Streit über Geschichte und Zukunft. Natürlich ist politisches Agieren ohne geschichtliches Wissen nahezu unmöglich. Die übergroße Mehrheit unter uns ist auch der Auffassung, daß sozialistische Politik ohne Zukunftsvision unmöglich ist. Entscheidend ist aber das aktive Eingreifen in die Gegenwart auf der Grundlage gemeinsam erarbeiteter sozialistischer Prinzipien. Hierfür benötigen wir ein Parteiprogramm. Ein solches Programm muß "statt allgemeine Redensarten über "die Arbeit" und "die Gesellschaft" zu machen... "nachweisen, "wie in der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft endlich die materiellen etc. Bedingungen geschaffen sind, welche (bei Marx heißt es Arbeiter, heute würde wir wohl ganz allgemein sagen die Menschen) befähigen und zwingen, jenen geschichtlich Fluch, (Ausbeutung des Menschen durch den Menschen/ M.H.) zu brechen." 13

Es sind also jene Entwicklungstendenzen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu suchen, ihnen nachzuspüren, sie zu erkennen und zu analysieren, die gegenwärtig bereits über diese Gesellschaft selbst hinausgehen.

Solche Erkundungen und Analysen sind zweifellos schwierig, oft mit Fehleinschätzungen und Irrtümern verbunden. Sie sind jedoch notwendig, wenn ein sozialistisches Programm mehr enthalten soll als Forderungen nach "gleichen Rechten", und "gerechter Verteilung" die Marx als veralteten Phrasenkram ansah. 14

Wenn also unsere Forderung nach sozialer Gerechtigkeit über Phrasenkram hinausgehen soll, dann werden wir in unserer Programmdiskussion nicht daran vorbeikommen, die gegenwärtigen Entwicklungen in der bürgerlichen Gesellschaft vorurteilsfrei zu analysieren. Je eher wir also den Streit, ob wir überhaupt über Moderne und Globalisierung diskutieren sollen beenden und statt dessen danach suchen, wie wir die soziale Frage in dieser Globalisierungsdebatte auf die Tagesordnung setzen können, um so wirksamer wird unsere Programmdiskussion auch in die Gesellschaft wirken.


1 "Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet" Mit diesem Satz unterschrieb Karl Marx 1875 seine kritischen Randglossen/ Karl Marx/ Kritik des Gothaer Programms/ MEW Band 19

2 Friedrich Engels am 07.01.1891 an Karl Kautsky/ MEW Band 38

3 Friedrich Engels in seiner Einleitung zur Erstveröffentlichung der Kritik des Gothaer Programms/ MEW Band 22

4 Friedrich Engels am 11.01.1891 an Adolf Sorge/ MEW Band 38

5 Friedrich Engels am 01.05.1891 an August Bebel/ MEW Band 38

6 Karl Marx/ Kritik des Gothaer Programms/ MEW Band 19

7 Vergleich hierzu u.a. in Karl Marx/ Kritik des Gothaer Programms/ Dietz Verlag Berlin 1965 die Vorbemerkung des Verlages

8 Karl Marx/ Der Bürgerkrieg in Frankreich/ MEW Band 17

9 Friedrich Engels/ Einleitung zu Karl Marx "Bürgerkrieg in Frankreich"/ MEW Band 22

10 siehe hierzu den Begleitbrief zur Kritik am Gothaer Programm von Marx an Wilhelm Bracke/ MEW Band 19

11 Gabi Zimmer in ihrer Rede vor der Programmkommission/ Internet/ www.gabizimmer.de

12 siehe hierzu den Begleitbrief zur Kritik am Gothaer Programm von Marx an Wilhelm Bracke/ MEW Band 19

13 Karl Marx/ Kritik des Gothaer Programms/ MEW Band 19

14 siehe hierzu Karl Marx/ Kritik des Gothaer Programms/ MEW Band 19