Eine Jugendsünde und ihre Folgen

Von Dieter Strützel und Mario Hesselbarth

Dieter Strützel und Mario Hesselbarth

I.
Es gibt wohl bis heute keine Schrift, die in der sozialistischen Bewegung größere Begeisterung hervorgebracht hat, als das Kommunistische Manifest. Mit klaren Gedanken übte es seine Faszination auf viele Generationen von Sozialisten/Kommunisten aus, die es nicht länger ertragen wollten, ein "Nichts" zu sein. Sie lasen daraus das Versprechen, daß sie die Geschichte zu einem guten Ende bringen könnten, wenn sie nur das täten, was in diesem Manifest als ihre Aufgabe umrissen war.

Nun sind jene Sozialisten, die im 20. Jahrhundert an die ihnen im Manifest zugewiesene Aufgabe gingen, gescheitert. Die Geschichte ist anders verlaufen, als es das in diesem kleinen Buch angeführte Gesetz von der Geschichte vorsah, nach dem die menschliche Gesellschaft stufenweise bis zum Ende jener Kette von Unterdrückung, Elend und Krieg aufsteigt.

Hinzu kommt, daß sich die massenhafte Begeisterung für das Manifest und für Marx bei jenen Generationen in Grenzen hielt, die im Realsozialismus aufwuchsen. Ihnen hatte das Manifest, oder besser die Auszüge, die ihnen zur Kenntnis gebracht wurden, hatten ihnen nichts mehr zu sagen. Deshalb verzichteten sie größtenteils auf dessen vollständige Lektüre. Die Fragen, die bei ihnen dennoch aufkamen, (Wann kommt es denn nun zur Freiheit der/des Einzelnen als Voraussetzung für die Freiheit aller?, Wann stirbt der Staat mit seiner Bürokratie ab ?) wurden oftmals nur ausweichend und ungenügend beantwortet.

Umso bemerkenswerter ist es, daß nach dem Scheitern des Realsozialismus die wenigen aus dieser Generation und den nachfolgenden Jahrgängen, die trotz dieses Scheiterns an den sozialistischen Ideen festhalten, das Manifest erneut oder erstmals vollständig lesen.

Im Hinblick auf die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft erweist es sich dabei zum Teil als sehr aktuell. Schlagworte wie Globalisierung, Sprung in eine neue Gesellschaft usw. verlieren plötzlich jenen Mythos, den sie verbreiten sollen.

Denn:
"Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren ... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche ... aus ...."

Hieraus zu schlußfolgern, man brauche mit dem Manifest nur neu anzufangen hieße, auf dem gescheiterten Weg weiterzumachen. Es ist vielmehr notwendig, den bisher zurückgelegten Weg kritisch zurückzuverfolgen, jene Stellen zu finden, an denen die sozialistische Bewegung vom "rechten Pfad" abwich und diejenigen Dinge zu verwerfen, die heute nicht mehr stimmen oder von vornherein falsch waren.

II.
Der größte Irrtum dieses genialen Jugendwerks von Marx und Engels war die Annahme, die Spaltung der Gesellschaft würde sich in die beiden Großklassen Proletariat und Bourgeoisie fortsetzen, die beide in der kapitalistischen Gesellschaft unlösbar aneinander gebunden seien. Beides ist geschichtlich anders gelaufen.

Nicht, daß der sozialökonomische Widerspruch von Kapital und Arbeit verschwunden wäre. Im Gegenteil, immer neue Bereiche der Gesellschaft werden ihm unterworfen. Aber zur Hälfte wird Reichtum heute ohne die wertschöpfende Arbeit "produziert", akkumuliert. Die tote, vergegenständigte Arbeit hat ein Ausmaß angenommen, das alle Vorstellungen übersteigt. Nahezu täglich schrumpft der Arbeitsmarkt gegenüber den Warenmärkten. Aber auch diese verlieren jährlich an Gewicht gegenüber den Finanz- und Kapitalmächten. Allein die Bundesbank, geschaffen ausschließlich zur Herausgabe der Währung, fuhr 1997 18 Mrd. DM Gewinn ein und übertraf dabei die Gewinne der meisten produzierenden Branchen.

Kapitalismus ohne Arbeit - eine für Marx und Engels nicht vorstellbare Perspektive. Die Vorgänge, die eigentlich Kapital produzieren und diejenigen, die über dieses Kapital verfügen, rücken immer mehr aus den empirisch erkennbaren und nachvollziehbaren Bereichen der Gesellschaft heraus. Die offizielle Einkommensstatistik der Bundesrepublik vereinigt in ihrem Olymp alle von einem Jahreseinkommen von 500.000 DM aufwärts. Die 1 Million Einkommens-Millionäre sind da kaum noch sichtbar, von den 43 Vermögens-Milliardären ganz zu schweigen. Aber sie sind noch lebendige, anfaßbare Menschen, die namhaft gemacht werden könnten. Sie stellen jedoch nur eine Spitze in einem gewaltigen System von Institutionen dar. In den "Steueroasen" Europas haben sich Gesellschaften herausgebildet, in denen auf zwei Einwohner eine solche Kapital aufhäufende Institution kommt.

Diese anonymisierte, entpersonalisierte und institutionalisierte "Klasse" hat ein ganz neues System diensttuender Eliten, ja einer selbständigen Klasse hervorgebracht. Diese okkupiert nahezu das gesamte politische Feld der Gesellschaft. Sie hat sich mit gewaltigen Bürokratien ausgestattet, in denen wiederum ganze "Klassen" ihre bescheidene bis komfortable Existenz finden.

Ähnlich vielfältig und differenziert ist die soziale Lage der vom Verkauf ihrer Arbeitskraft Lebenden. Ganz zu schweigen von jenem ständig wachsenden, in tausendfache Randexistenzen abgedrängten Teil der Ausgegrenzten und der in verdeckter Armut Existierenden. Sie sind die einzigen, denen die Aussicht, auf der vielstufigen Leiter sozialer Unterschiede auf- und niederzusteigen, weitgehend genommen wurde.

Die Klassen, auf die sich Marx und Engels bezogen, waren noch in sich geschlossene, scharf von einander abgegrenzte soziale Gemeinschaften. Sie verfügten dafür aber in ihren eigenen Reihen über vielfältige soziale Geflechte, einer gemeinsamen "Sprache" von Lebensverläufen, Anschauungen und Vorstellungen, Verständigungsformen und -formeln.

Die Grenzen zwischen den heutigen sozialen Schichtungen sind durchlässig geworden. Es haben sich übergreifende Verkehrssprachen herausgebildet, die immer von der Orientierung an den höher Gestellten geprägt sind und so eine Selbst-Verständigung unter Gleichen bestenfalls im Privaten oder in eng begrenzten Vereinen und Verbänden ermöglichen.

So hat sich jene Frage extrem zugespitzt, die Marx in Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse nach der verlorenen Revolution von 1848/49 im Elend der Philosophie beschäftigt hatte: Wie kommen Menschen, die nach ihrer sozialökonomischen Lage eine Klasse bilden (Klasse an sich) zu gemeinsamem, gesellschaftswirksamem Handeln, zum Handeln als Klasse (Klasse für sich). Seine damalige Antwort, über das Bewußtwerden ihrer objektiven Lage und über eine eigene Organisation, hat sich als Antwort ähnlich der des Uhus in der Fabel erwiesen, der den von den Füchsen verfolgten Hasen geraten hatte, sich in Füchse zu verwandeln.

So hat der Gegensatz von Kapital und Arbeit keine Entsprechung mehr in dem Gegensatz einander ebenso scharf entgegengesetzter Klassen. Vielfältige andere scharfe Gegensätze, die nicht auf ihn reduzierbar sind, haben sich dazugesellt und verflechten sich immer stärker miteinander: Der Gegensatz von expandierendem Ressourcenverbrauch und dem begrenzten Vorhandenseins von Ressourcen, von ökonomisch-technischer Dynamik und natürlichen Kreisläufen, von Arm und Reich in jedem Land, aber erst recht rund um den Erdball, von medialer Verflechtung und Auflösung sozialer Bindungen und Gemeinschaften, von patriarchaler Herrschaft und Sorge um Leben und Natur. All das hat auf seiten des Kapitalgegensatzes zu der paradoxen Situation von Klassengegensätzen ohne handlungsfähige Klassen geführt.

III.
Dort, wo mehr oder weniger große Teile der kapitalabhängigen Klassen in diesem Jahrhundert in gesellschaftliche Aktionen traten, geschah dies weitgehend spontan, überwiegend kurzzeitig und für konkrete soziale Ziele. Sie waren dabei nicht auf den Umsturz aller gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Das reicht von der Kommune von Paris und ihrer Verteidigung, über "Frieden und Land bzw. Brot" der großen Revolutionen von 1917 bis 1921 bis zur Einforderung von Rede- und Versammlungsfreiheit, freien Wahlen und Reisefreiheit der mittel- und osteuropäischen Revolutionen zu Beginn des letzten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Wo nicht die nackte Gewalt diese klassenkämpferischen Aktionen erstickte, verloren sie alsbald die wesentlichen Früchte ihrer Aktion an fremde oder entfremdete Eliten und Apparate oder gar an die antagonistische Klasse.

Die Frage, die am Vorabend der europäischen Revolutionen von 1848 überflüssig war zu stellen, hat 150 Jahre später bohrende Bedeutung bekommen - wie finden sich gesellschaftlich wirksame Kräfte der kapitalbeherrschten Klassen zu selbstbestimmter Aktion, um die eigenen Interessen so geltend zu machen, daß die gesellschaftlichen Widersprüche neue Bewegungsformen finden. (Der spätere Marx merkte an, daß wahrscheinlich alle großen gesellschaftlichen Widersprüche so "gelöst" werden.) Damit wird eines der größten Phänomene in der Wirkungsgeschichte des Kommunistischen Manifests berührt.

Die meisten "Korrekturen", die seine Verfasser im Laufe ihres an Kämpfen reichen Lebens an dieser letzten ihrer Jugendschriften, die Engels einmal selbstironisch als "Jugendsünde" kennzeichnete, dessen Selbstbefreiung des Proletariats in der Erkenntnis, all das müßten donquichottische Kämpfe mit den Windmühlen bleiben, wenn es nicht gelänge, jene Klüfte und Spalten in der Wirklichkeit zu finden, die es erlaubten, die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzusprengen. Vom Bild des Totengräbers, der eine an ihren eigenen Gebrechen verstorbene Gesellschaft entsorgt, kehrte er zu dem Bild der englischen Frühsozialisten von den unter Tage wirkenden Bergleuten zurück. Diese rückten dem übermächtigen starren Gestein dadurch zu Leibe, daß sie sein natürliches Wachstum, seine eigene Struktur zum Ansatz ihrer langwierigen Einwirkung nehmen würden. Die vorurteilsfreie, möglichst genaue und getreue Analyse des vor ihnen liegenden Gesellschaftsgesteins wird für den nachrevolutionären Marx zur alles entscheidenden Voraussetzung für die gemeinsame, selbstbestimmte Tat.

An die Stelle von der geschichtlichen Gesetzmäßigkeit eines kontinuierlichen Klassenkampfes von unten tritt eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Wandel, der von den inneren Potenzen der herrschenden Gesellschaftsverhältnisse bestimmt wird: vom Ausschöpfen der in ihr liegenden Produktivität, von der Permanenz gesellschaftlicher Expansion, die immer wieder an ihre eigenen Grenzen stößt, von der erlahmenden Kraft des jeweils zentralen gesellschaftlichen Verhältnisses, sich alle anderen gesellschaftlichen Verhältnisse zu unterwerfen, sie zu seinen eigenen Organen zu machen.

An die Stelle der mobilisierungsfähigen Gewißheit, es gelte nunmehr, die letzte Schlacht zu schlagen, tritt im 18. Brumaire des Louis Napoleon, der gründlichen Analyse der fortgeschrittensten Revolutionserfahrungen, die Überzeugung, das Proletariat werde die Langwierigkeit der vor ihm stehenden Kämpfe nicht scheuen.

Zugleich sah Marx bereits wenige Wochen nach dem Erscheinen des Manifestes auch die Schwierigkeiten, welche die vom Kapital Abhängigen zu bewältigen hatten. Denn an die Stelle der Ketten, welche die Proletarier in einer kommenden Revolution nur verlieren könnten, um eine Welt zu gewinnen, treten wenige Wochen später in der Marxschen Artikelserie "Lohnarbeit und Kapital" in der "Neuen Rheinischen Zeitung" die Überlegungen, daß sich die Ketten auch als goldene Ketten erweisen könnten, an denen sich die Arbeiter freiwillig anschmieden, um sich von der Bourgeoisie herschleifen zu lassen, solange sie ihre eigene Existenz durch Lohnarbeit sichern müssen.

Die Kommunistin Inge von Wangenheim hat einmal pointiert geschrieben, Marxens Werk habe nur einen Fehler, ohne den es allerdings auch nie geschrieben worden wäre - die Unterschätzung der Zeit.

Das meint - dialektisch zumindest - nicht einfach die Dauer der Zeit, sondern jene Veränderungen, die im Verlaufe der Zeit erfolgen. Wie ernst Marx solche Veränderungen selbst genommen hat, zeigt seine Bemerkung im Vorwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes des Kapitals. Marx registriert dort jene zaghaften Veränderungen, die das Kapital aus der ersten großen Nachrevolutionskrise gelernt habe, und schreibt ahnungsvoll: Dann wird alles ganz anders.

Als die Pariser Kommune errichtet worden war, bestürmten die daran beteiligten Mitglieder der Pariser Sektion der I. Internationale ihren Meister in London, er möge ihnen doch raten, wie sie nun an die Befreiung der Arbeit gehen sollten. Immer wieder mußte Engels den wartenden Generalrat vertrösten. Und dem großen Vordenker fiel nur ein, den von den Kämpfenden selbst gewählten Weg als die praktische Antwort auf die von ihm nur theoretisch gestellte Frage anzuerkennen: zunächst die Freiheiten der Revolution von 1789 auch für den vierten Stand durchzusetzen und auf dieser Grundlage die Befreiung der Arbeit schrittweise auf einem langen Weg des Lernens und der Selbstkorrektur ins Werk zu setzen.

Bedeutsam erscheint nicht nur dieses "kommunale", auf der universellen Durchsetzung der Freiheitsrechte und einer auch ökonomischen Assoziation beruhende Marxsche Konzept von der Diktatur des Proletariats. Es ist meilenweit von dem zentralstaatlichen Machtkonzept Lenins entfernt und durch Gräben von jener Praxis getrennt ist, die darauf folgte. Wichtig ist vor allem auch der Marxsche Verzicht auf jegliche gedankliche Besserwisserei und Schulmeisterei selbst der besten theoretischen Konzepte gegenüber den eigene Interessen geltend machenden Unterdrückten und die Anerkennung der praktischen Lösungswege, die diese dabei einschlugen.

IV.
Nimmt man die Irrtümer und die Selbstkorrekturen durch seine Autoren weg, dann bleibt vielleicht vom Kommunistischen Manifest, daß sich im Rahmen der alten bürgerlichen Gesellschaft nur durch die eigene Emanzipation jene "Klasse" von Proletariern entwickeln wird, die sich aus allen Klassen der Bevölkerung rekrutiert, um an die Stelle der bürgerlichen Gesellschaft schrittweise, durch die Erkämpfung der Demokratie eine Assoziation freier Individuen zu setzen.

Das aber wäre ungeheuer viel, und insofern können wir durchaus noch vieles mit dieser "Jugendsünde" anfangen. Denn der Preis dafür, daß die sozialistische Bewegung diese Ent-Kanonisierung des Manifests nicht vollzogen hat, war unermeßlich. Dies nachzuvollziehen ist für alle wichtig, die festhalten wollen an jenem emanzipatorisch-humanistischen Todesurteil über eine Gesellschaft der Kapitalherrschaft mit ihrer mörderischen Konkurrenz und ihren irrationalen und widernatürlichen Anarchien. Nicht Wiederkäuen oder Nachbeten ist gefragt, sondern Reproduktion im Marxschen Sinne: Der Wille, Seiendes zu bewahren, zwingt zu seiner ständigen Veränderung.