Bildungsreform für Thüringen

Ein Diskussionsangebot von Sigrun Lingel - März/September 1997

Ausgangspunkt einer aus PDS-Sicht notwendigen Reform des Bildungswesens in Thüringen sind die im Grundgesetz, hier besonders in Artikel 1 - 4, formulierten Rechte. Die PDS Thüringen lässt sich in ihrem Wirken von dem Gedanken leiten, dass diese Grundrechte für alle in Thüringen lebenden Menschen, eingeschlossen die Kinder Thüringens, gelten.

Voraussetzung für eine selbstbestimmte Inanspruchnahme dieser Rechte durch Kinder ist eine jedem Kinde zustehende Allgemeinbildung, eine finanzielle Sicherung materieller Grundbedürfnisse von Kindern sowie eine Stärkung der Position des Kindes im Rechtsgefüge der BRD.

Das Bildungswesen Thüringens kommt dem Anspruch einer Allgemeinbildung, welche Kinder befähigt, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, nur teilweise nach. Sichtbar wird dies u.a. an folgenden Tatsachen:

  1. Für die meisten Kinder Thüringens wird im Alter von 9 - 10 Jahren eine grundlegende Schullaufbahnentscheidung getroffen. In der Regel sind Kinder in diesem Alter nicht in der Lage, über ihren zukünftigen Schulbesuch selbst zu entscheiden, einerseits, weil sie die Folgen dieser Entscheidung noch nicht in einem notwendigem Maße überblicken können, andererseits, weil gesetzliche Schranken selbstbestimmte Entscheidungen behindern. Zu diesen zählen u.a.
    • Zugangsvoraussetzungen für die unterschiedlichen Schularten,
    • Entscheidungsbefugnis von Eltern, auch gegen erklärten Kinderwillen.
    • Die wesentlichen Lerninhalte und Bildungsziele sind zentral vorgegeben, ohne die Interessen und Möglichkeiten des einzelnen Kindes ausreichend zu beachten.
    • Die Benotung abfragbaren Wissens fördert nicht den Mut zu eigenen Gedanken.
    • Die 9-jährige Schulpflicht behindert das Kind, individuelle, außerschulische Lernmöglichkeiten zu wählen.
  2. Die unterschiedliche Höhe finanzieller Zuwendungen an die verschiedenen Schularten führen zu einer Ungleichbehandlung von Kindern.
  3. Die Zugangsvoraussetzungen für eine pädagogische Tätigkeit grenzen Menschen mit anderer, als der deutschen Staatszugehörigkeit, und damit auch mit anderen kulturellen Erfahrungen sowie mit einer anderen beruflichen Qualifikation als der pädagogischen, aus dem Schuldienst aus, wodurch vor allem beiläufiges Lernen für Kinder behindert wird.

Um das Bildungswesen Thüringens grundlegend zu reformieren, greift die PDS auf Gedanken und Erfahrungen zurück, welche im Zusammenhang stehen mit:

Die von der PDS-Thüringen vorgeschlagene Reform des Bildungswesens untergliedert sich in folgende Teilbereiche:

Schulstruktur

Grundschulen

Die Grundschule besuchen alle Kinder des Schuleinzugsbereiches, d.h., auch Kinder mit Behinderungen, im Altersbereich der Klassen 1 - 6.

Grundschulen sollten möglichst an jedem Ort ab, bzw. mehreren benachbarten Orten mit ca. 1000 EW zur Verfügung stehen.

Mittelschule

Mittelschulen können einen eigenen Schulstandort bilden oder aber mit der Grund- bzw. Oberschule unter einem Dach stattfinden. Der Verbund von Mittel- und Oberschule kann als Gesamtschule geführt werden, der von Grund- und Mittelschule als 10-Klassen-Schule.

Die Mittelschule umfasst die Altersbereiche der Klassen 7-10. Kinder können nach Klasse 9 die Schule verlassen bzw. zur Oberschule wechseln. In Klasse 9 und 10 wird ein anerkannter Schulabschluss angeboten.

Besteht das Kind den Abschluss der Klasse 10 nicht, wird ihm automatisch der Abschluss der Klasse 9 zuerkannt. Der Abschluss Klasse 9 wird so gestaltet, dass er von jedem Kind erreicht wird, welches die 9. Klasse beendet. Mit Abschluss Klasse 10 ist ein Wechsel zur Oberschule möglich.

Oberschulen

Oberschulen werden von Heranwachsenden der Altersbereiche Klasse 10-13 besucht. Sie bieten die Möglichkeit des Abiturs nach Klasse 12 oder aber einer Berufsausbildung mit Abitur nach Klasse 13.

Besteht die/der Heranwachsende das Abitur nicht, wird ihr/ihm automatisch der Abschluss der Klasse 10 zuerkannt.

Förderschulzentren

Diese werden von Kindern besucht, deren Integration in Mittel- und Oberschulen, in Fällen besonders schwerer Behinderungen auch in Grundschulen, nicht möglich ist, bzw. von behinderten Kindern, welche den Besuch solch eines Zentrums wünschen. Förderschulzentren bieten die Schulabschlüsse:
Förderschule / Klasse 9 und 10 / Hochschulreife / Berufsausbildung mit Abitur

Volkshochschulen

Diese bieten neben vielfältigen Kursen die Schulabschlüsse Förderschule, Klasse 9/10 und 12 in Ganztagsschulform.

Parallel zu dieser Struktur wird die Bildung und Entwicklung von Schulen in freier Trägerschaft sowie Lern- und Begegnungszentren (Anlage 1) gefördert, da sie einen Beitrag zu der durch das Grundgesetz garantierten Schulvielfalt leisten.

Privatschulen werden im Altersbereich, welcher unter die Schulpflicht fällt, nicht zugelassen. Bestehenden Privatschulen wird ein angemessener Zeitraum eingeräumt, sich in eine Schule in freier Trägerschaft bzw. in ein Lern- und Begegnungszentrum umzustrukturieren.

Schulorganisation

Schulkonferenzen

Die Schulkonferenzen der Grundschulen setzen sich zu je 50% aus ElternvertreterInnen und 50% VertreterInnen pädagogisch - technischen Personal zusammen.

Die Schulkonferenz der Mittel- und Oberschulen setzen sich zu je 50% aus SchülerInnenvertreterInnen und 50% VertreterInnen pädagogisch - technisches Personal zusammen.

Die Schulkonferenzen der Förderzentren setzen sich zu je 1/3 aus VertreterInnen der Eltern, der SchülerInnen sowie des pädagogisch - technischen Personal zusammen.

Schulkonferenzen entscheiden u.a.

Schulkonferenz hat Mitspracherecht bei

Schulträger

Schulträger können sowohl gemeinnützige Vereine und Gesellschaften, als auch Kommunen (Dorf, Stadt, Kreis) sein. Es ist zulässig, dass mehrere Kommunen einen Schulträger für eine oder mehrere Schulen bilden (z.B. bei Schuleinzugsbereichen in 2 verschiedenen Landkreisen).

Schulträger entscheiden u.a.

Kommunale Schulvorstände

Kommunale Schulvorstände sind ein Verbund von Schulträgern und Schulkonferenzen. Jeder Schulträger sowie die zugehörigen Schulkonferenzen sind in ein und dem selben kommunalen Schulvorstand vertreten. Die Besetzung des kommunalen Schulvorstandes erfolgt paritätisch, d.h. je 50% Schulträger und 50% Schulkonferenzen.

Mit der Einführung von kommunalen Schulvorständen ist das Ziel verbunden, die unmittelbaren NutzerInnen von Schulen stärker an der Entscheidungsfindung zu beteiligen, sowie den Einfluss von Parteien auf Schulen zu minimieren. In einem angemessenen Zeitraum sollte den kommunalen Schulvorständen die Personalhoheit für das pädagogische Personal vom Kultusministerium übertragen werden. Dadurch würden LehrerInnen an den unmittelbaren Belangen der eigenen Schule stärker interessiert. Mit der Übertragung der Personalhoheit für das pädagogische Personal an die kommunalen Schulvorstände werden die Schulämter aufgelöst. Mit der Umstrukturierung der Schulfinanzierung (siehe FINANZEN) kommt es zu einer Reduzierung der Schulverwaltungen. Anzustreben ist, dass kommunale Schulvorstände ehrenamtlich arbeiten, wodurch die Position der NutzerInnen der Schulen gestärkt würde.

Kommunale Schulvorstände entscheiden u.a.

Schulverwaltung/Schulamt

Die Rolle von Schulverwaltung und Schulamt geht mit der Veränderung der Schulorganisation zurück. Das Schulamt wird abgeschafft, wenn die Personalhoheit des pädagogischen Personals an die kommunalen Schulvorstände übertragen ist. Die Schulverwaltung wird reduziert bei Einführung des Teil- bzw. An-Rechts-Scheins. Ihr bleibt nur noch die unmittelbare Aufgabe des Schulträgers.

Lerninhalte und Bildungsziele

Die Veränderung der Arbeits- und Medienwelt erfordert ein Umdenken bezüglich der Lerninhalte und Bildungsziele der Schule. Es ist heute nicht mehr Aufgabe der Schule, Kinder auf eine lebenslange Erwerbstätigkeit in einem Beruf vorzubereiten, auch hat die Schule ihr Monopol, Wissen zu vermitteln, spätestens mit der Verbreitung der neuen Medien verloren. Kinder sollten deshalb in der Schulen den Freiraum finden, zu lernen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. D.h., Kinder müssen zukünftig solche individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben wie:

Kinder sollen in der Schule lernen, dass ein Problem mehrere Lösungswege hat, dass eine Frage oft mehrere Antworten zulässt. So werden Kinder erfahren, dass nicht alle Menschen die Welt in gleicher Weise erleben und darum nicht der gleichen Meinung sind, dass Meinungsverschiedenheiten zum Leben gehören, in welchem es darauf ankommt, wie es Meinungsverschiedenheiten versteht, austrägt und dadurch schließlich zu seiner eigenen Lebens- und Weltdeutung gelangt und dementsprechend neu handelt.

Grundschulen

In Anlehnung an die Waldorfpädagogik und den pädagogischen Ansatz Paulo Freires gehen meine Vorstellungen in folgende Richtung:

Mittelschulen

Oberschule

LehrerInnenbildung und Zugang zur Schule von Menschen ohne pädagogische Qualifikation bzw. mit einer anderen Staatszugehörigkeit

Nachfolgende Gedanken aus bip. Extra-Ausgabe, 26.07.1996, Seite7/8
"Vorschläge zur Innovation der Lehrer/innen - Bildung in europäischer Kooperation"

2. Zukunftsorientierte Leitbilder

Zukünftige Lehrer/innen brauchen persönliche und professionelle Identität.

3. Zentrale Reformelemente der Ausbildung

4. Studienorte

Die Ausbildung sollte an Hochschulen und anderen Institutionen stattfinden, die ein gleichwertiges Studienangebot haben; unter dieser Voraussetzung sollten staatliche Ausbildungsstätten und solchen in freier Trägerschaft finanziell gleich gefördert werden.

5. Modellprojekte in Europa

Wir schlagen vor, ein Netz von Ausbildungseinrichtungen in Europa zu schaffen, in denen die Vorschläge zur Innovation der Lehrer/innen-Bildung in Modellprojekten realisiert werden. Für die Modellprojekte müssten Finanzmittel aus europäischen Förderprogrammen bereitgestellt werden.

Zusätzliche Überlegungen meinerseits:

Finanzen

Nach einem angemessenen Zeitraum wird der An-Rechts-Schein (als Jahresgutschein) in mehreren Schritten eingeführt:

1. Schritt

2. Schritt

3. und weitere Schritte

Rechtsfragen

Nachfolgende Probleme bedürfen aus meiner Sicht einer rechtlichen Klärung bzw. gesetzlichen Verankerung:

Anlage 1

Lern- und Begegnungszentren

Lern- und Begegnungszentren habe ich im vorliegenden Entwurf einer möglichen Bildungsreform für das Land Thüringen bewusst nicht definiert bzw. erläutert, was ich darunter verstehe. Wenn ich dies in einem Satz nachholen sollte, würde ich sagen:

Lern- und Begegnungszentren sind der Ausweg für all die, welche mit der von mir vorgeschlagenen Schulstruktur, der Schulorganisation und/oder den Lerninhalten und Bildungszielen nicht leben können oder leben wollen.

Ich denke, dass es immer Menschen geben wird, welche an die Grenzen bestehender Institutionen stoßen. Die Frage ist, wie man sich selbst, unabhängig von der eigenen Sicht auf diese Institutionen, den Ansprüchen dieser Menschen nach einem selbstbestimmten Leben gegenüber verhält. Erwartet man, dass sie sich unterordnen, weil die Mehrheit mit den Institutionen durchaus zu Frieden ist, oder gesteht man ihnen das Recht zu, eigene Wege zu gehen? Diese Frage wird auch im Spektrum der gesellschaftlichen Linken sehr verschieden beantwortet. Im Bereich der Schulreformdiskussion ist dies anschaulich nachvollziehbar, reichen doch die Vorstellungen der Linken von der Einheitsschule für "alle Kinder des Volkes" bis hin zur Abschaffung der Schulpflicht und damit verbunden der Abschaffung der Staatsschule.

Da ich selbst für die Abschaffung von Staatsschule und Schulpflicht bin, gleichzeitig aber auch in den Zwängen der derzeitigen Gesellschaft lebe, versucht vorliegender Bildungsreformentwurf einen Weg zu beschreiben von der momentanen Schulsituation in Thüringen hin zu einer Zeit, in welcher Kinder frei von äußeren Zwängen lernen können. Ich gestehe jedoch jeder und jedem zu, meine Vorstellungen nicht weitreichend genug zu empfinden. Aus diesem Grunde die Einführung von Lern- und Begegnungszentren, als Freiraum, eigene Vorstellungen zu probieren, zu realisieren. Dies muss möglich sein, ohne durch gesetzliche Schranken behindert zu werden. Gleichzeitig muss aber auch gesichert sein, dass eine gewisse "Gleichbehandlung" erfolgt mit all denen, welche sich nicht für diesen Weg entscheiden. Gleichbehandlung ist vor allem notwendig, wenn die Frage der Finanzierung solcher Lern- und Begegnungszentren steht, aber auch dann, wenn es um die Anerkennung von Lebensleistungen für die Kinder und Heranwachsenden geht, welche Lern- und Begegnungszentren verlassen wollen, um an einer anderen Schule zu lernen, einen Beruf zu ergreifen, bzw. ein Studium zu beginnen.

Lern- und Begegnungszentren sind gleichzeitig eine mögliche Chance zur Kommunalisierung von "Lern- und Lebensprozessen".

Anlage 2

An-Rechts-Schein

Momentan ist die Situation der Finanzierung von Bildung so, dass Heranwachsende, welche eine höhere Schulbildung erfahren eine größere finanzielle Unterstützung seitens des Staates erhalten als die, welche z.B. bereits nach 9 Jahren die Schule verlassen und sich dann mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagen.

Der Gedanke des An-Rechts-Schein geht auf das Modell des Bildungsgutscheines zurück. Diesem Modell liegen zwei wesentliche Gedanken zugrunde:

  1. Eine direkte Finanzierung der Bildung des Kindes über die Schule, welche das Kind besucht, d.h., jede Schule erhält entsprechend der SchülerInnenzahl ihren Finanzhaushalt, über welchen sie eigenverantwortlich verfügen kann. (Entbürokratisierung)
  2. Eine finanzielle "Gleichbehandlung" von Kindern durch den Staat, d.h., jedes Kind hat im Laufe seines Lebens den selben finanziellen Anspruch zur Finanzierung seiner Bildung gegenüber dem Staat.

Der An-Rechts-Schein geht gedanklich über dieses Modell hinaus. Es soll durch ihn nicht ermöglicht werden, die Kosten für die Bildung, welche der Staat trägt, zu minimieren, indem Abläufe im Schulalltag effektiviert werden, was einem Teilaspekt konservativer Auslegungen des Modells des Bildungsgutscheines entspricht. Sein Ziel bleibt jedoch, "Fremdleistungen", welche über den Bildungshaushalt finanziert werden, auszuschließen. Unter Fremdleistungen sind vor allem Verwaltungs-, einschließlich Personalkosten zu verstehen, welche nicht zwingend erforderlich sind, um "Schule zu machen". Dadurch würde sich der finanzielle Anteil, welcher Kindern in der Schule unmittelbar zu Gute kommt, erhöhen, ohne dass die Staatsausgaben für Bildung steigen müssten. Vor allem jedoch soll Heranwachsenden ein An-Recht auf die Finanzierung von Bildung eingeräumt werden, und dies zu dem Zeitpunkt, zu welchem Heranwachsende selbst lernen wollen. Damit soll verhindert werden, dass Heranwachsende ihr An-Recht auf Bildung "absitzen" (weil der Staat nur zu in diesem Lebensalter Bildung finanziert) ohne für sich selbst in dieser konkreten Situation einen Nutzen aus der Bildung ziehen zu können (oder zu wollen). Sie sollen die Möglichkeit erhalten, selbstbestimmt entscheiden zu können, wann sie was lernen wollen. Um diese Entscheidungsfreiheit zu erhalten, benötigen sie jedoch das Recht, über ihren An-Teil an den Bildungsausgaben des Staates selbst zu verfügen.

Damit der An-Rechts-Schein auch tatsächlich für jeden Heranwachsenden sinnvoll wird, bracht es die Einführung einer sozialen Grundsicherung, damit das Lernen nicht abhängig vom Geldbeutel der Eltern wird.

Der Umfang der An-Rechts-Scheine, welche ein Kind im Laufe seines Lebens erhält, soll sich an den momentanen Ausgaben für eine Menschen orientieren, welcher staatlich finanziert zu einem Hochschul- bzw. Universitätsabschluss kommt. Zusätzlich soll er einen angemessenen Spielraum für außerschulische Bildung enthalten. Gleichzeitig soll es möglich sein, nicht verbrauchte An-Rechts-Scheine zeitlich in das kommende Jahr zu übertragen.