Redebeitrageitrag zur bildungspolitischen Konferenz der PDS Thüringen

Ein Diskussionsangebot von Sigrun Lingel - Oktober 1997

Testfrage:
"Ich gehe gern zur Schule.", was ist das für ein Fall?
Natürlich ein Fall für den Psychiater.

Das ist nur einer der Sprüche, die Kinder heute vom Stapel lassen, wenn es um das Thema Schule geht.

Liebe Kinder und den Kinderschuhen Entwachsene, liebe Genossinnen und Genossen,
ich will nicht leugnen, dass ich in Vorbereitung auf unsere heutige Konferenz Probleme bei dem Gedanken hatte, unter dem Thema "Bausteine zu einen Schulkonzept der PDS" zu sprechen. Probleme deshalb, weil ich in meinem Innerem überzeugt bin, dass die Schule so, wie wir sie kennen, es nicht wert ist, in eine neue Zeit hinein reformiert zu werden.

Auch will ich nicht verheimlichen, dass ich mich immer öfters frage, ob die Schule historisch gesehen wirklich notwendig war. Hat sie der Menschheit den Fortschritt gebracht, welchen die Vertreter der Aufklärung sich einst von der Einführung der Volksschule erhofften? Oder ist nicht gerade die Schule mit ihrer Festlegung dessen, was es wert ist, zu lernen, eine Hauptursache für all die Irrtümer, welchen wir in den zurückliegenden 200 Jahren unterlagen?

Bedenke ich meine Zweifel und Überzeugungen, kann es mir heute nur darum gehen darzulegen, wie es uns gelingen kann, Kinder von der lästigen Pflicht, zur Schule zu gehen, zu befreien.

Nun weiß ich, dass der Widerstand auch in den Reihen der PDS wächst, sobald ich die Abschaffung der Schulpflicht fordere. Noch immer sind nicht wenige unter uns der Meinung, dass wir Kinder zu ihrem Glück zwingen müssen, dass nur wir wissen, was wirklich gut für Kinder ist. Kinder sind noch allzu oft Objekte unseres Handelns, auch für manche unter uns werden sie erst Subjekt, wenn sie mit 18 Jahren der PDS ihre Stimme geben können.

Schulpflicht abschaffen heißt doch nicht, dass Kinder nichts mehr lernen werden. Lernen werden sie auf jeden Fall, sicher nicht immer das, was aus unserer Erwachsenensicht richtig und wichtig ist. Nur Angesichts der heutigen Probleme, die zu lösen wir oft nachfolgenden Generationen in Anbetracht unserer eigenen Hilflosigkeit überlassen, zweifle ich, ob das, was wir Erwachsenen für richtig und wichtig halten, tatsächlich so bedeutend ist. Ich denke schon, dass wir Erwachsene es auszuhalten lernen müssen, dass Heranwachsende eigene Wege gehen, so wie diese ja auch von uns ungefragt damit umgehen müssen, dass wir Erwachsenen noch immer auf ausgetretenen Wegen wandeln.

Wie also könnte es sein, dass Kinder ohne Schulpflicht lernen können? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Benachteiligungen körperlicher, geistiger oder sozialer Art nicht dazu führen, dass Heranwachsende auf den Abstellgleisen unserer Gesellschaft landen? Was muss die Politik leisten, damit Heranwachsende selbstbestimmt ihren Platz in der Gemeinschaft finden können?

Wir Erwachsenen sind alle schulsozialisiert, was unter anderem bedeutet, dass nicht wenige von uns verinnerlicht haben, dass Bildung nur in der Schule erworben werden kann. Um die Schulpflicht abzuschaffen, muss es gelingen, dieser Überzeugung von Erwachsenen eine andere entgegenzusetzen, eine Einsicht derart, dass Menschen in allem, was sie tun, auch lernen. Durch den momentanen Wandel der Arbeitswelt wächst die Einsicht in die Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Hier bietet sich die Chance, dass Erwachsene die Erfahrung sammeln, dass Bildung nicht nur auf Schulbildung zu reduzieren ist. Bei allen Betrachtungen zum Thema "Schule" sollten wir die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Erwachsenen nicht unbeachtet lassen, da sich hier neue Einsichten bei Erwachsenen herausbilden, somit Blockaden in deren Denken abgebaut werden können. Wenn wir von Schulreform sprechen, dann ist es wohl die Erwachsenenbildung, die einer dringenden und radikalen Reform bedarf. Gelingt uns die, wird sich das, was heute unter Schulbildung läuft, wie selbstverständlich wandeln.

Ich denke, dass wir für eine Übergangszeit noch eine Schulpflicht brauchen, nicht weil ich an den Kindern zweifle, vielmehr jedoch glaube, dass wir Erwachsenen Zeit brauchen, uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass es auch ohne Schulpflicht geht. Nach meiner Vorstellung sollte für diese notwendige Übergangszeit die Schulpflicht auf 6 Jahre reduziert werden.

Parallel zur Reduzierung der Schulpflicht muss es gelingen, den Inhalt der Lehrpläne radikal zu verändern. Neben solchen Grundlagen wie lesen, schreiben und rechnen wäre es notwendig, dass Kinder in dieser Zeit lernen:

Gleichzeitig muss diese Grundschulzeit den Raum bieten, dass Kinder soziale Fähigkeiten, welche in einer Zeit zunehmender Individualisierung immer wichtiger werden, ausbilden und entwickeln können.

Untersuchungen von Soziologen belegen, dass Kinder mit 12 Jahren, und nach Abschluss dieser 6 Jahre Grundschulzeit wären sie 12 Jahre alt, sehr wohl in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Hier möchte ich nur auf Untersuchungen verweisen, welche in dem Buch "Kinderleben", herausgegeben von Manuela du Bois-Reymond und anderen im "Leske + Budrich" Verlag erschienen ist.

Dieser Gedanke findet sich auch in den Aufsatz von Paul Goodmann "Beiläufige Erziehung versus Schulpädagogik", welchen wir in das Material des Weimarer Kreises für den heutigen Tag aufgenommen haben. Hier formuliert Goodmann:

"Das Ziel der Grundschulpädagogik sollte es sein, bis zum Alter von zwölf Jahren die freie Entwicklung des Kindes zu schützen und zu fördern, weil der von Gesellschaft und Familie ausgeübte Druck zu groß ist, als dass das Kind ihm aus eigenen Kräften widerstehen könnte."

Aus den genannten Gründen würde ich ab einem Alter von 12 Jahren Heranwachsenden die Möglichkeit einräumen, selbst entscheiden zu können, was sie wann, wo und mit wem lernen wollen.

Um Heranwachsenden hier möglichst gleiche Chancen zu gewähren, ist es Aufgabe der Politik, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Zu diesen zählen nach meinem Verständnis:

Im Nachfolgenden möchte ich diese drei Forderungen an die Politik eingehender erläutern.

In jeder Gemeinde, in jeder Stadt muss es nach meinem Verständnis öffentliche Räume geben, in welchen sich Menschen treffen können. Diese Räume müssen einen vielfältigen unentgeltlichen Zugang zu den Medien ermöglichen, was u.a. heißt, dass in diesen Räumen Bücher, Zeitungen und Zeitschriften zur Benutzung ausliegen. Auch muss der Zugang zum Internet für jede und jeden unentgeltlich möglich sein. Diese Räume müssen derart gestaltet sein, dass Gespräche und Veranstaltungen im Großen wie im Kleinen möglich sind, d.h., diese Räumen müssen auch den Platz bieten, sich zurückziehen, sich alleine oder in Kleinstgruppen mit einer bestimmten Sache beschäftigen zu können. Es darf auch keine Beschränkung zur Nutzung dieser Räume durch Öffnungszeiten geben, sie müssen über 24 Stunden täglich für die, die sie nutzen wollen, zugänglich sein. In diesen Räumen können Kurse, Unterrichtsstunden, kulturelle Veranstaltungen und vieles mehr angeboten werden.

In einer Zeit, die ohne Geld nicht denkbar ist, darf die Finanzierung dieser Räume nicht unbedacht bleiben. Nach meiner Vorstellung soll ein Teil der Finanzen durch die Städte und Gemeinden aufgebracht werden, hier vor allem für die Räume, welche nicht aus anderen Quellen finanziert werden, sowie für die in diesen Räumen zugänglichen Medien, d.h., Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Internet u.a.m. Der andere Teil soll durch einen Teil des "An-Rechts-Scheines" finanziert werden.

Womit ich zu einigen Grundgedanken des "An-Rechts-Scheines" komme. Momentan ist es so, dass Heranwachsende, welche z.B. nach Klasse 9 die Schule verlassen und sich dann mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagen, einen wesentlich geringeren Anteil von den Bildungsausgaben des Staates erhalten als die, welche zur Hochschulreife gelangen und dann auf Staatskosten ein Studium absolvieren. Dies halte ich für eine ausgesprochene Ungerechtigkeit und mir ist bis heute nicht verständlich, warum auch die Linke sich nicht konsequent gegen diese Ungleichbehandlung von Heranwachsenden wendet. Nach meinem Verständnis soll jede und jeder Heranwachsende den Anspruch auf ein gleich großes Stück des Bildungskuchen erhalten, damit Lernprozesse unterbrochen und auch ausgefallenere Bildungswünsche finanziert werden können. Der Umfang der An-Rechts-Scheine soll sich an dem Betrag orientieren, welchen heute der Staat aufbringt, damit ein Kind seine Ausbildung mit einem Hochschulabschluss beenden kann zuzüglich eines angemessenen Betrages für außerschulische Bildung.

Mit diesem An-Rechts-Schein gehen Heranwachsende zu einer Institution der eigenen Wahl, dies kann eine Person, ein Verein, einem freien Träger, oder auch so etwas wie eine Schule sein. Dort vereinbaren Heranwachsende, was sie lernen wollen. Diese Vereinbarung enthält das Ziel des Lernprozesses, die Anforderungen, welchen Heranwachsende in diesem Lernprozess genügen müssen, aber auch die Kosten des Lernprozesses. Die Kosten werden nun mit dem An-Rechts-Schein verrechnet.

Nehmen Kinder und Heranwachsende ihren An-Rechts-Schein in Anspruch, steht ihnen nach meinem Verständnis eine Sicherung materieller Grundbedürfnisse zu.

Womit ich zur sozialen Grundsicherung komme. Durch die soziale Grundsicherung, welche Heranwachsenden in Verbindung mit der Nutzung des An-Rechts-Scheines zusteht, kann gesichert werden, dass auch Kinder aus sozial schwachen Familien ihre Möglichkeiten, zu lernen, nutzen werden, da so das Lernen als "Tätig sein" für die Gesellschaft anerkannt würde. Den Sockel der soziale Grundsicherung würde ich speisen aus dem heute zu zahlenden Kindergeld sowie allen derzeit möglichen Steuervergünstigungen, welche Eltern für ihre Kinder erhalten. Das heißt, dass nach meiner Vorstellung zukünftig nicht mehr Eltern Zuschüsse für ihre Kinder vom Staat erhalten, sondern vielmehr die Kinder selbst.

Ich will die mir verbleibende Zeit nutzen, mich mit mir bekannten Argumenten gegen meine Vorstellungen auseinander zusetzen.

Da ist zum einem der Vorwurf, dass nach meinen Vorstellungen Heranwachsende nur Rechte, jedoch keine Pflichten hätten, dass ihnen die Möglichkeit gegeben ist, allen Schwierigkeiten auszuweichen. Hier möchte ich entschieden widersprechen, da die Vereinbarung, welche Heranwachsende mit der Institution ihrer Wahl abschließen, ja auch Forderungen an sie stellt. Auch in diesen Lernprozessen werden Heranwachsende an Grenzen stoßen, an denen sie sich reiben, die sie zu überwinden lernen werden, oder aber sie kommen zu der Einsicht, dass sie diese Grenzen nicht überwinden können, somit für sich akzeptieren müssen. Ich denke jedoch, dass es Heranwachsenden wesentlich leichter fällt, sich in Lernprozessen, die sie selbst gewählt haben, zu motivieren, auftretende Schwierigkeiten zu überwinden als in momentanen Lernprozessen, wo andere für sie entschieden haben, was zu lernen ist. Da diese selbstgewählten Lernprozesse nicht mehr die Langfristigkeit der heutigen Schulpflicht haben, können Heranwachsende Fehlentscheidungen wesentlich einfacher korrigieren. So können sie Erfahrungen sammeln, welche zu sammeln ihnen heute vorenthalten wird.

Weiter wird behauptet, dass meine Vorstellungen die Chancengleichheit untergraben würde. Mal abgesehen davon, dass es auch heute keine Chancengleichheit gibt, bin ich der Meinung, dass die Umsetzung meiner Vorstellungen ein größeres Maß an Chancengleichheit herstellen kann. Durch die Einführung des An-Rechts-Scheines im Zusammenhang mit der von mir beschriebenen sozialen Grundsicherung käme es dazu, dass Kinder und Heranwachsende unabhängig von ihrer sozialen Herkunft einen gleich großen finanziellen Anspruch gegenüber dem Staat haben. Da Familien mit einem niedrigen Einkommen weniger Steuern zahlen, als Familien mit hohem Familieneinkommen, heißt dies nichts anderes, als dass finanziell starke Familien sowie Menschen ohne Kinder über ihre Steuern einen finanziellen Beitrag für Kinder aus sozial schwachen Familien leisten. Kämen wir zu einer sozialen Grundsicherung, welche im Zusammenhang mit dem "Tätig sei", in diesem Falle mit dem Lernen stände, könnte unsere Forderung nach gerechterer Verteilung von Reichtum zudem einen neuen Sinn erhalten.

Das nächste Argument gegen meine Vorstellungen ist, dass ich diese Freizügigkeit bezüglich der Auswahl individueller Lernprozesse auch bei Beibehaltung der Schulpflicht leisten kann. Hier wird immer wieder argumentiert, dass die von vielen in der PDS gewünschte Gesamtschule in der Lage wäre, genau dies zu leisten.

Die Beibehaltung der Schulpflicht heißt, dass Heranwachsende dann lernen müssen, wenn sie der Schulpflicht unterliegen. Sie haben keine Möglichkeit, aus dem Schulbetrieb auszusteigen, draußen, im Leben, Erfahrungen zu sammeln, ohne persönliche Nachteile befürchten zu müssen. Lehrerinnen und Lehrer wissen, wie schwierig es ist eine Klasse zu unterrichten, in welcher Heranwachsende sitzen, die keinen Bock mehr auf die Schule haben. Diese "Null-Bock-Stimmung" dehnt sich auch auf andere aus, so dass in diesen Unterrichtsstunden selbst die, die lernen wollen, nicht mehr den möglichen Nutzen für sich gewinnen können. Würden wir es zulassen, dass Heranwachsende auch aussteigen können, würde die Qualität des Unterrichtes in den oberen Klassen enorm zunehmen. Durch den An-Rechts-Schein erhalten sich die, die zwischendurch die Schule verlassen jedoch die Chance, sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf die Schulbank zu setzen, da ihr Anteil an den Bildungsausgaben des Staates nicht durch andere verbraucht wurde. Die soziale Grundsicherung gibt ihnen die materielle Sicherheit, auch tatsächlich wieder in Lernprozesse einsteigen zu können.

Die Gesamtschule als Grundidee, nicht als uns bekannte Institution, wäre durchaus in der Lage, Lernprozesse zu individualisieren, d.h., den Wünschen der Lernenden anzupassen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn es genügend viele Interessierte gibt. Wenn ich z.B. einen Kurs Volleyball anbieten will, brauche ich mindestens 10 Interessierte. Das Problem bei rückgehenden Kinderzahlen ist, dass wir, um den vielseitigen individuellen Lernbedürfnissen gerecht werden zu können, Orte schaffen müssen, an denen möglichst viele Heranwachsende zusammen kommen. Auf Grund der territorialen Lage Thüringens heißt dies, dass wir so etwas wie Schulkommunen schaffen müssen, da diese Zentren nicht mehr für alle Heranwachsenden in einer zumutbaren Anfahrtszeit erreichbar wären. Schulkommunen haben etwas sehr reizvolles an sich, da Heranwachsende hier, ohne Bevormundung durch ihre Eltern ihr Leben sehr selbstbestimmt gestalten können. Es gab und gibt Beispiele von Schulkommunen, u.a. hat die Kibbuz-Bewegung sehr umfangreiche Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt. Das Problem für Thüringen sehe ich jedoch in der Tatsache, dass mit der Entscheidung für Schulkommunen, welche auf der Idee der Gesamtschule basieren, gleichzeitig die Entscheidung gegen Schulen im ländlichem Raum fällt, für deren Erhalt heute schon viel zu oft die Kinder fehlen. Ein weiteres Problem wäre aus meiner Sicht, dass dann auch Kinder zur Schulkommune müssten, welche diese für sich selbst ablehnen, und sei es nur, weil sie zu Hause bei ihren Eltern leben wollen. Da ich selbst auf dem Lande lebe und weiß, was es heißt, wenn die Schule im Dorf geschlossen wird, kann ich unter der momentanen Situation nicht für die Schaffung von Schulkommunen sprechen.

An dieser Stelle, und damit möchte ich zum Schluss kommen, kommt dann in aller Regel das Argument, dass dies auch Kommunikations-, Begegnungs- und Lebensorte nicht leisten können. Ich denke, dass sie es doch können, da Kinder und Heranwachsende im Gegensatz zu einer Schulkommune die Möglichkeit haben, neben Angeboten außerhalb dieser auch Angebote verschiedener Kommunikations-, Begegnungs- und Lebensorten für sich nutzbar zu machen. Im Gegensatz zu Schulkommunen finden sich zudem in den Kommunikations-, Begegnungs- und Lebensorten nicht nur Kinder und Heranwachsende, sondern Angehörige verschiedener Generationen, wodurch das Gespräch zwischen den Generationen gefördert und entwickelt würde. Aufgabe der Politik wäre es in diesem Falle lediglich, dafür zu sorgen, dass der ÖPNV entsprechend den Bedürfnissen von Heranwachsenden ausgebaut wird, wodurch wir auch zu einem Umdenken bezüglich der heute geforderten Mobilität kommen könnten.