"Sie sind eine aktive unpolitische Jugend,
weil sie den in sich kreisenden Institutionen
das Leben entziehen."

aus "Kinder der Freiheit" von Ulrich Beck

Beschlußvorlage der PDS des Saale-Holzland-Kreis für den Kreistag

Beschlußvorlage der PDS des Saale-Holzland-Kreis für den Kreistag
Dezember 1997

Der Vorschlag der Fraktion PDS/offene Liste im Kreistag des Saale-Holzland-Kreis, die Schulen unseres Landkreises zu Lern- und Begegnungszentren zu entwickeln, ist eine mögliche Antwort auf die sich stellenden Fragen. Unser Vorschlag gliedert sich in nachfolgende Punkte:

  1. Organisations- und Rechtsform
  2. Beteiligung von Schülerinnen/Schülern, Lehrerinnen/Lehrern und Eltern
  3. Allgemeine Möglichkeiten der Integration zusätzlicher Aufgaben
  4. Spezielle Lösungsvorschläge
  5. Finanzen

Einer UNESCO-Studie zur Situation von Jugendlichen ist zu entnehmen, daß gesellschaftliche Institutionen wie Jugendhäuser, Freizeitheime, Kirchen, Schulen u.a.m. daran kranken, daß sie aufgrund der Nichtbeteiligung der betroffenen Jugendlichen an ihrem Aufbau, ihrer Ausstattung und ihrer Entscheidungsstruktur Folgen bewirken, die disproportional zu ihren Anstrengungen stehen.

Neil Postman stellt in seinem Buch "Keine Götter mehr" fest: "Ohne Frage sind Antriebslosigkeit, Langeweile und Gewalt in der Schule auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Schüler keine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft erfüllen."

Untersuchungen von Soziologen belegen, daß 12-jährige in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. (u.a. in "Kinderleben", herausgegeben von Manuela du Bois-Reymond) Wissenschaftler sprechen vom "Ende der Arbeit", vom "Ende der Natur", vom "Ende der Kindheit".

Nicht nur dem Schulentwicklungskonzept unseres Landkreises ist zu entnehmen, daß ab dem Schuljahr 1998/99 mit einem drastischen Rückgang der Einschulungen zu rechnen ist. Schulen sind in ihrem Bestand gefährdet, weil ihnen die Kinder fehlen.

Gerade rechtzeitig sind aus den Reihen der CDU richtungsweisende Worte zu vernehmen: "Die Schlüsselfrage des 21. Jahrhundert heißt Bildung." (9. Bundesparteitag der CDU, "Projekt Zukunftschancen") - auch wenn wir dann sicher darüber streiten werden, was wir eigentlich unter Bildung verstehen wollen.

All dies ruft zwingend nach einem Umdenken bezüglich der Themen "Schule" und "Bildung", die Frage ist, ob Politikerinnen und Politiker in der Lage sind, die sich aus dieser Situation ergebende Chance zu nutzen, um originelle Lösungen zu suchen und vor allem zu praktizieren.

Organisations- und Rechtsform

Wir schlagen vor, für jede Schule einen eingetragenen gemeinnützigen Verein zu gründen, in welchem der Landkreis als Körperschaft öffentlichen Rechts Mitglied wird. Diesem Verein wird das Schulgebäude mit angrenzender Freifläche symbolisch übertragen, wodurch der Verein kreditwürdig wird. Der Landkreis schließt mit dem jeweiligen Verein einen Mietvertrag für die Räume des Schulgebäudes sowie für die Freiflächen ab, welche an dem betreffenden Standort zur Gewährleistung der Pflichten, welche sich aus der Schulträgerschaft ergeben, benötigt werden. (analog der Übertragung des Altbaus des Gymnasium Eisenberg an Leasinggeber)

Für die durch den Landkreis für die Erfüllung der sich aus der Schulträgerschaft ergebenden Pflicht nicht benötigte Räume und Freiflächen, kann der Verein zusätzliche Nutzer suchen.
Diese Vereine entwickeln u.a. Konzepte zur Öffnung des Schulgebäudes hin zum sozialem Umfeld durch Integration zusätzlicher Aufgaben, was laut Satzung ein wesentlicher Zweck des Vereines ist.

Beteiligung von Schülerinnen/Schülern, Lehrerinnen/Lehrern und Eltern

Laut Satzung der zu bildenden Vereine wird den Schülerinnen/Schülern, den Lehrerinnen/Lehrern sowie den Eltern die Möglichkeit gegeben, sich in diese Vereine aktiv einzubringen und mitzuarbeiten.

Deshalb sollte bereits im Vorfeld der Vereinsgründungen der Kontakt zu den jeweiligen Schulkonferenzen gesucht werden, um hier das Anliegen des zu gründenden Vereins zu erläutern und Schülerinnen/Schülern, Lehrerinnen/Lehrern und Eltern für eine Mitarbeit zu gewinnen.

Allgemeine Möglichkeiten der Integration zusätzlicher Aufgaben

Durch die zurückgehenden Schülerzahlen werden wir auch in unserem Landkreis zukünftig über eine Vielzahl nicht benötigter Klassenräume verfügen. Da der Schülertransport, wie den Anlagen zu entnehmen ist, bei weitem nicht die kostengünstigste Variante darstellt, zudem auch nicht ökologisch ist, sollte der Landkreis bemüht sein, möglichst alle Schulstandorte zu erhalten. Durch die Integration zusätzlicher Aufgaben können Schulgebäude optimal ausgelastet werden.

Vorstellbar ist die Integration von (z.T. wird dies bereits in einzelnen Schulen praktiziert):

u.a.m.

Welche Vorteile würden sich aus der Integration zusätzlich zu einer optimaleren Auslastung von Schulgebäuden ergeben?

Spezielle Lösungsvorschläge

Schule als Ganztagsschule

Die CDU hat u.a. auf ihrem 9. Bundesparteitag beschlossen:
"Um es Eltern, insbesondere Alleinerziehenden, zu erleichtern, Kindererziehung und Beruf miteinander zu vereinbaren, brauchen wir mehr Betreuungsangebote in allen Schulformen wie betreuende Halbtagsschule mit verläßlichen Öffnungszeiten oder Ganztagsschulen auch mit Betreuung über Mittag und am Nachmittag."

Ganztagsschule heißt:

Diesen Anforderungen genügen nahezu alle Schulen unseres Landkreises, so daß eine Umwandlung von Halbtags- in Ganztagsschulen dazu führen würde, daß über den Landeshaushalt finanzierte Freizeitpädagoginnen und -pädagogen eingestellt werden können. So wird es möglich, für Kinder und Heranwachsende sinnvolle Freizeitbeschäftigung im Rahmen des Schulgebäudes anzubieten.

Integration der Kreismusikschule in das Gymnasium Eisenberg

Das derzeit genutzte Musikschulgebäude in der Jenaer Straße in Eisenberg hat einen Sanierungsbedarf von wenigstens 800 TDM, Folgekosten nicht eingerechnet. Die Lage unmittelbar an der B7 ist für die Musikschule nicht günstig, somal auch keine ausreichende Sicherheit bei der Überquerung der B7 für die meisten Musikschülerinnen und -schüler gegeben ist.

Durch den Neubau am Gymnasium erhöhte sich die Anzahl der Klassenräume über 46 Quadratmeter von 31 auf 61, zuzüglich 10 Kursräume. Von diesen Räumen werden 7 als Fachkabinette genutzt, so daß 54 Räume als reine Klassenräume zur Verfügung stehen. Das Gymnasium ist 5-zügig, so daß im mittel 35 Klassen am Gymnasium Eisenberg unterrichtet werden. Somit gibt es im Gymnasium Eisenberg 19 überzählige Klassenräume, welche nicht in jedem Fall als Kursraum benötigt werden.

Wir schlagen vor, die Kreismusikschule Eisenberg im Altbau des Gymnasiums Eisenberg zu integrieren, aus unserer Sicht wäre der bereits ausgebaute Kellerbereich günstig für diese Integration. Der Kellerbereich ist separat zugänglich, er könnte zudem mittels einer Brandschutztür vom übrigen Altbau getrennt werden.

Für die Integration der Kreismusikschule Eisenberg in das Gymnasium Eisenberg spricht neben der enormen Kosteneinsparung (es wäre dann die Sanierung des derzeitigen Musikschulgebäudes nicht mehr notwendig aus dem Kreishaushalt zu finanzieren) die verkehrsgünstige Lage des Gymnasiums unmittelbar an der Bushaltestelle. Durch eine Integration der Musikschule würde die Gebäudesubstanz des Gymnasiums Eisenberg optimal ausgelastet werden, wodurch die bereits beschlossene Altbausanierung nachvollziehbarer für die Bevölkerung unseres Landkreises würde. Die Betriebskosten für Gymnasium und Musikschule würden in ihrer Gesamtheit optimiert werden. Die Aula des Gymnasiums gäbe den Konzerten der Kreismusikschule den notwendigen und gewünschten festlichen Rahmen.

Finanzen

Ganztagsschulen erhalten eine zusätzliche finanzielle Unterstützung seitens des Landes Thüringen. In dieser sind sowohl Sach- als auch Personalkosten enthalten. Durch die Umwandlung von Halbtagsschulen in Ganztagsschulen würden Erzieherinnen und Erzieher für die Nachmittagsgestaltung an den Schulen zur Verfügung stehen, ohne daß der Landkreis hierfür Gelder in den Kreishaushalt einstellen müßte.

Im Sachkostenanteil wäre zu dem ein Anteil für die Instandhaltung der Schulgebäude enthalten, so daß sich die Betreibung der Schulgebäude insgesamt kostengünstiger gestalten würde.

Die Integration der Kreismusikschule Eisenberg in den Altbau des Gymnasiums Eisenberg würde die angezeigten Sanierungskosten in Höhe von 800 TDM (ohne Folgekosten) sparen. Der Landkreis könnte dann das derzeitige Musikschulgebäude als Büro- und Wohnhaus vermieten, sich somit eine regelmäßig wiederkehrende Einnahme sichern, oder aber das Gebäude zum Verkauf anbieten, und so den Kreishaushalt teilweise sanieren.

Durch die Verwaltung des Landratsamtes sollte in Fortschreibung der Schulentwicklungskonzeption eine Schulgebäudesubstanzanlyse erstellt werden, in welcher festgeschrieben ist, wie hoch der notwendige Investitionsbedarf je Schule ist, um den derzeitigen Anforderungen gerecht zu werden. Über einen Verteilungsschlüssel wird den zu bildenden Vereinen die Zuweisung dieser notwendigen Gelder in den vor uns liegenden 5 Jahren zugesichert, so daß die Vereine in die Lage versetzt werden, notwendige Investitionen an den Schulgebäuden durchzuführen.

Die Gründung eines Vereines für jede Schule schafft den rechtlichen Rahmen, um nicht verbrauchte Gelder in das folgende Haushaltsjahr zu übertragen, wodurch sich Sparen wieder lohnt. Zusätzlich wird es über diese Vereine möglich, Gelder aus verschiedenen Haushaltsansätzen miteinander in Anwendung zu bringen (z.B. EPL 2 "Schulen" + EPL4 "Soziale Sicherung"), was zu einer Kosteneinsparung führen wird.