Das Kind in der Mediengesellschaft

Eine Veranstaltung des PDS-Landesvorstandes am 27.04.1996 in Tautenhain

Inhalt

Dieter Strützel

10 Thesen zu einer Debatte

  1. Wir sollten vorsichtiger mit dem Begriff der Mediengesellschaft umgehen. Er suggeriert als Zeitbegriff, die Gesellschaft werde von der aktuellen Veränderung der Medien geprägt. (Brauchbar ist er als Komplexbegriff, wenn er darauf verweist, daß ein ganzer, nicht näher gekennzeichneter, gesellschaftlicher Komplex von diesen Veränderungen beeinflußt ist.)
    Jede Gesellschaft hatte ihre Medien als konstitutives Moment. In jeder Gesellschaft war die Beherrschung der jeweiligen Medien eine wesentliche Aufgabe. Die Normalisierung, die "Entzauberung" des Vorganges ist eine wesentliche Voraussetzung zu ihrer Lösung. Die Verzauberung hat immer einen Anpassungszwang, gerade bei den neuen Medien als Kaufzwang besonders gut erkennbar, um einen Markt zu erschließen, der zumindest in dem beabsichtigten Umfang nicht notwendig ist.
  2. Die Kritik an der Institution Schule ist eine wesentliche Dimension seit der Frühromantik, also ziemlich 200 Jahre, akut und gleichgeblieben: die Kritik an der Schulfabrik, in welche das Rohmaterial Mensch hineinkommt, um nach den Bedürfnissen des "Lebens" bearbeitet zu werden. Die Pläne zur Bearbeitung sind fremdbestimmt, unabhängig von Willen und Bedürfnissen des Schüler-Materials. Die Bearbeiter herrschen innerhalb ihres staatlich formulierten Fabrikationsauftrages unumschränkt. Das Ergebnis ist entsprechend: eine Massenproduktion.
    Siehe die herrliche Satire Friedrich Schlegels auf Goethes Prometheus, "Forme Menschen nach meinem Bilde" in seiner "Lucinde". Nicht zufällig war das Gedicht "Prometheus" ein Kult- und Leitbild in der DDR. (Wobei Goethes Dramen-Konzept, für das das Gedicht geschrieben wurde, unbeachtet blieb, daß der Prometheus seinen Bruder Epimetheus erschlagen hat, der voraussehende Macher des Manufakturzeitalters den nachdenkenden, sich erinnernden Schäfer.
    Die fatale Konsequenz für die Gesellschaft: sie wird konserviert auf dem Stand des Selbst-Bildes der Macher.
    Statt Jugend als die Chance der Gesellschaft zu verstehen und zu nutzen, mit ihr in eine neue Zukunft aufzubrechen, über sich selbst hinauszukommen. (Den gegenwärtigen Zustand aufzuheben, war für Marx und Engels, als sie "Die Deutsche Ideologie" schrieben, der Sinn des Kommunismus, im Gegensatz zu einem Gesellschaftsideal, "nach dem sich die Wirklichkeit zu richten habe", zu einem "fertigen Zustand".)
    Die Überwindung der Schulfabrik ist also für die PDS, die sich als emanzipatorische Bewegung versteht und bewähren will, mehr als ein schulpolitischer Streitpunkt.
  3. Dagegen steht ein emanzipatorisches Schulkonzept, das sich der Aufgabe stellt, junge Menschen bei der Entwicklung ihrer individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten auf dem Weg zum Subjekt, das über sein Leben selbst bestimmt, behilflich zu sein. Schule als Handreichung, Lehrer als Helferinnen und Helfer. Schule als Medium, Vermittlung, nicht als Mittel zum Zweck.
  4. Natürlich verliert der Satz "Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben." nicht alle Bedeutung. Nur seinen apologetischen Charakter. "Wir lernen leben." müßte er unmißverständlich heißen. Selbstfindung, Zusammenleben und die dabei unverzichtbare Konfliktbeältigung sind für ein solches Schulkonzept die wesentlichen Anliegen von Schule.
  5. Genau dieser Kern ist von den neuen Medien nicht zu leisten. Gerade gegenüber ihrem verführerischen Anspruch, Lernen und Selbst(Bildung) abzunehmen, wird bei einem solchen Anliegen erkennbar, was die neuen Medien wirklich können: Zeit raffen, Informationen speichern und bereitstellen.
    Wird diese eigentliche Leistung kenntlich, so könnten sie sogar emanzipatorisch wirken, den von der Lernschule produzierten Schein zerstören, als sei das Lernen und Behalten von Information Bildung.
  6. An die Stelle dieses gefährlichen Scheins, der Schule zur Qual machen muß, je mehr zu "lernen" ist, der die Frage nach dem Sinn geradezu heraufbeschwört, Lehrer zu Motivationskünstlerinnen und -künstlern degradiert, tritt emanzipatorisches Lernen als die erlernbare, trainierbare Kunst, sich selbst zu bilden, sich in dem Wust angehäufter Bildung, überkommener Kulturen, widerstreitender Konzepte und Anforderungen eine eigene Position, einen eigenen Weg zu suchen und zu bahnen.
  7. Dazu gehört ganz wesentlich die Fähigkeit, mit Informationen umzugehen, nicht sie zu lernen, sondern aus ihnen etwas zu lernen. Klischees zu erkennen und in frage zu stellen, Tabus zu entzaubern, andere Sprachen, andere Konzepte, anderes Verhalten zu verstehen, ihnen angemessen zu begegnen, statt sie als das Fremde zu fürchten oder gar zu Feinden zu dämonisieren.
    Wird das gelernt, so verlieren Medien ihren Schrecken wie ihre dämonische Kraft. Das Fremde wird sich zu eigen gemacht, statt es anzueignen oder beiseite zu werfen.
  8. Ganz wesentlich beim Lernen ist das Zusammenleben von Generationen. Lehrerinnen und Lehrer sind dabei die ersten nicht naturwüchsigen Vertreterinnen und Vertreter älterer Generationen. Lange ehe eigene Kinder da sind, können Jüngere eine nachwachsende Generation kenntlich machen.
    So ließe sich lernen, d.h. üben, mit den bei jeder Selbstfindung unvermeidlichen, dennoch aber gefährlichen, wenn sich selbst zum (allgemeingültigen) Maßstab setzenden, Klischees "Werd du erst mal groß!" und "Alter" oder "Alte" natürlich umzugehen.
  9. Deshalb gehören Eltern, möglichst auch Geschwister, mit in die Schule. Gerade wenn wir Arbeit neu verteilen, ließen sich anerkannte Auszeiten für Eltern einrichten, in denen sie als nichtprofessionale mit den professionellen Lehrern zusammen Schule halten. In gleicher Funktion könnten andere Beschäftigungs- (und Kinder-)lose in Schule tätig und heimisch werden. Schule würde so um Kinder und Jugendliche gruppierte Gemeinden, Begegnungsstätten.
    Verkürzung der Lebenserwerbsarbeit wäre dann nicht das vorzeitige in Rente schicken, dessen problematische Seite (das vorzeitige Unnützwerden) die vielen Bezieherinnen und Bezieher von Altersübergangsgeld im Osten erfahren haben, sondern das rechtzeitige Verrichten von gesellschaftlich dringend notwendiger, aber nicht als Erwerbsarbeit organisierbarer Arbeit.
    Im Gegensatz könnten im öffentlichen Dienst stehende Lehrerinnen und Lehrer zu mehr ausgebildet und als mehr tätig werden als als Stundengeber- als Jugendarbeiterinnen und -arbeiter.
    In Bulgarien und Ungarn hat es solche Wege der Lehrerbildung gegeben. Effiziente Lösungen für das Problem der Pflichtstunden, aber auch für eine gerechtere Besoldung im öffentlichen Dienst, für das Umschlagen von Geld in Zeit ließen sich auf diesem Weg leichter finden.
    Gewänne so Schule ihre Multifunktionalität zurück, ohne ihre alte Monopolstellung wieder zu erlangen, so wären auch die Debatten über Standorte und Größen von Schulen überflüssig. So nah wie möglich an den Lebensräumen, so klein und so groß, wie der Raum für die Beteiligten und die ausgeübten Tätigkeiten und Funktionen gebraucht wird.
  10. So entschieden wir Staat als Dienstherren von Schulfabriken verneinen, so sehr ihn ein solches Konzept auf seine wesentlichen Funktionen zurückführte (lat: reduzierte): Geldgeber und Organisator von Standorten und Ausbildung, so sehr macht es ihn aber auch notwendig: bei der Festlegung der Modalitäten für Übergänge und der Anerkennung der Gleichwertigkeit unterschiedlichster Schulformen und der Abgrenzung von Kompetenzen zwischen professionellen und nichtprofessionellen Lehrerinnen und Lehrern.

Protokoll der Veranstaltung

TeilnehmerInnen:
Sabine Fache, Ina Grübel, Barbara Kirmse, Karin Landherr, Sigrun Lingel, Gudrun Lukin, Nelly Naumova, Simone Post, Gabi Zimmer, Holger Auerswald, Martin Brückom, Holger Hänsgen, Mario Hesselbarth, Ralf-Dieter Lingel, Dieter Strützel, Dr. Frank Wesenberg

Ausgehend von der These Neil Postman aus "Das Verschwinden der Kindheit", daß Kindheit keine biologische Periode im Leben des einzelnen Menschen, sondern viel mehr sozial bedingt ist, beschäftigten sich die TeilnehmerInnen mit Fragen wie:

Dieter Strützel stellte fest, daß es Gesellschaft ohne Medien nie gegeben hat. Wir stellen eine Trennung zwischen Phantasie- und Tatsachenwelt fest. Kinder können mit zwei verschiedenen Realitäten umgehen. Wenn die Fähigkeit, mit ganz unterschiedlichen Realitäten umzugehen schwindet, verschwindet nach seiner Meinung die Kindheit.

Medien lassen Schleier und Mythos schwinden. Erwachsene haben Angst im Umgang mit Medien. Die Lernfähigkeit der Schule, des Mediums muß auf den Prüfstand. Sinn macht es, eine Gewinn-/Verlustrechnung der Schule aufzumachen. Notwendig ist es, Kindern wieder Geduld nahe zu legen. Die Schule war eine Demokratisierungsform.

Karin Landherr erinnert sich heute noch an die Lehrer ihrer Kindheit, welche sie einbezogen in den Unterricht und das Lernen. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist kinderfeindlich, es ist notwendig, etwas für Kinder zu tun. Heute sind Kinder "gespalten" in tausend Vereine, welche ein "Gemeinsames" von Kindern nicht gerade positiv beeinflussen. Medien und Vereine stellen eine Interessenbeeinflussung auch aller linken Kinder dar. Wichtig ist ihr die Wahrung der Chancengleichheit aller Kinder.

Dieter Strützel entgegnet, daß Chancengleichheit eine demokratische Forderung ist, jedoch ist die Verwendung des Begriffes "Chancengleichheit" irreführend, da dieser Begriff die Voraussetzung beinhaltet, daß alle Menschen gleich sind. Menschen sind jedoch unterschiedlich. Er stellt die These auf, sich "Einlassen auf die Wirklichkeit". Das "Wissensmonopol" grenzt Kinder/Menschen aus, die es anders sehen. Es ist notwendig, dem einzelnen, der einzelnen Mut zu machen: Sei du selbst! Habe Mut zu dir selbst, habe Mut zu dem, was in dir steckt!
Die heutige Gesellschaft kann man auch als die "Gesellschaft der Mutlosigkeit" bezeichnen. Wir sollten "Mut machen" gegen den Begriff "Chancengleichheit" setzen.

Wodurch wird ein Mensch faul? Faul sein heißt, motivationslos sein. Es wird notwendig, Raum für Menschen zu lassen.

Kinder sind die Spiegelbilder der Gesellschaft, stellt Mario Hesselbarth fest. Die Gesellschaft kann mit dieser Tatsache nicht umgehen. Heute kann man Kindern nichts mehr vormachen. Wenn man über Jugendkriminalität klagt, muß man sich bewußt machen, daß die Gesellschaft kriminell ist.
Kinder müssen als eigene Persönlichkeit respektiert werden.

Gudrun Lukin sagte, daß wir die Welt ins Klassenzimmer holen sollten. Momentan ist eine Verarmung im Bildungsbereich spürbar. Die Universitäten verschulen zunehmend.
Kinder treten gern in die Schule ein und werden dann "ausgebremst". Dort sollen sie lernen, was sie für das spätere Leben brauchen.
Sie sieht ein weiteres Problem der heute 15 - 20 jährigen in der Verarbeitung der "Wende", welche einen Bruch im Lebenslauf darstellt.

Sie erinnerte an eine Untersuchung mit Gehörlosen in der UdSSR, welche durch ihre Behinderung von einer Kommunikation nahezu ausgeschlossen sind. Diese wurden durch eine spezielle Förderung befähigt, nicht nur am normalen Leben teilzunehmen, viele der an dieser Untersuchung Beteiligten konnten später sogar einen Hochschulabschluß erwerben.

Gabi Zimmer stellte fest, daß wir uns mit unserer Politik heute auf Chancengleichheit reduzieren lassen. Sie hat erlebt, wie sich auch in der DDR Ausgrenzungen reproduzierten. Der Weg für Kinder aus bestimmten sozialen Verhältnissen war vorbestimmt. Diese Kinder werden vorgewertet, Armut ist vorprogrammiert. Die Forderung nach Chancengleichheit reicht nicht.
Zur Untersuchung mit den Gehörlosen bemerkte Gabi, daß sich diese am geringsten in den Prozeß der Durchsetzung der eigenen Rechte einbringen können. Sie stellte fest, daß Mädchen und Jungen heute wieder verstärkt in traditionelle Berufe einsteigen. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der emanzipatorischen Entwicklung des Individuums.

Karin Landherr fragte, warum wir Chancengleichheit nicht in den Mittelpunkt rücken wollen? Bis zu einer gewissen Ebene ist es wichtig, daß es Chancengleichheit gibt. Wenn wir Kindern Chancen einräumen wollen, braucht dies eine gewisse Organisation. Ein großes Schulhaus ist wie eine Fabrik.

Martin Brückom, Schüler einer 12. Klasse, stellte fest, daß die Anzahl von SchülerInnen, welche benötigt werden, um einen Kurs zu eröffnen, eine Beschränkung für die SchülerInnen ist, welche sich für einen Kurs entscheiden, welcher auf Grund zu geringer SchülerInnenanmeldungen nicht beginnen kann. Er sieht die Aufgabe der Schule darin, "ins Leben zu kommen".

Sabine Fache fragte, für was wir "Mut machen" wollen? Wollen wir Entfaltung des Individuums oder wollen wir angepaßte Menschen? Der "Wert" des Menschen muß an den Menschenrechten gemessen werden.
Sie warnt mit Blick auf die DDR vor dem Glauben, daß mit der Veränderung der Bedingungen sich der Mensch schon sozialistisch entwickeln wird.

Ina Grübel fragte, ob Kinder, welche kindgerecht erzogen sind, wirklich auf die Gesellschaft vorbereitet sind?

Dieter Strützel fragte, was im Zusammenhang mit Schule Staatsverantwortung heißt? Nach seiner Sicht geht es ums Geld (Verteilung), die Anerkennung von Meisterschaften, Lernprozessen durch die Gesellschaft.
Zu klären ist auch, wen wir an Erziehung heranlassen, wie Erziehungszeiten anerkannt werden.
Er stellte fest, daß in einer Staatsbildung von Lehrern nur "Staatslehrer" herauskommen können. Jede Spezialisierung ist Amputation.
Dieter ist für "Lern- und Begegnungszentren" in jeder Kommune.

Die junge Generation mit ihrer Haltung "kein Bock aufs Militär" löst das Problem an allen vorbei. Wir sollten unterstützen, daß der einzelne, die einzelne sagt: "Ich will das und das nicht!"

Holger Hänsgen meinte, daß Allgemeinbildung nur über die Schule möglich ist. Nach seiner Meinung sollte es Schulpflicht geben.

Mario Hesselbarth stellte fest, daß die Frage "Schule - ja oder nein" beantwortet werden sollte im Zusammenhang mit ihrer Funktion.

Gabi Zimmer sprach kurz die Vorteile eine klassenübergreifenden Unterrichtes an.

Auf den Gebrauch aller Sinne verwies Sabine Fache.

Beitrag von Barbara Kirmse

Für Bildung und Erziehung interessiere ich mich seit 15 Jahren beruflich, für Alternativen seit 5 Jahren, in erster Linie aus persönlichen Gründen.
Schon von der Theorie der Pädagogik Peter Petersen war ich beeindruckt. Mich faszinierte der Gedanke von altersgemischten Gruppen, wo jedes Kind mal "klein" und mal "groß" sein kann; von Schulwohnstuben; von fächerübergreifenden Unterricht; von gemeinsamen Festen und Gesprächsrunden .... Aber ich war auch skeptisch, ob und wie denn dieser Schulalltag wirklich funktioniert. Dann habe ich die Möglichkeit genutzt und konnte eine Woche lang in einer niederländischen Sekundarschule, die nach Peter Petersen arbeitet, hospitieren. Nach 5 Tagen wußte ich natürlich noch nicht, wie es genau geht, aber ich sah genau, daß es möglich war, Schule anders zu machen. Und ich war wieder fasziniert, diesmal von der Tatsache, daß ich in einer Woche nicht einmal sich prügelnde Kinder gesehen habe. Nur an der anderen Mentalität der Menschen dort, oder deren Lebensweise, kann das nicht gelegen haben. Vom pädagogischen Ansatz Peter Petersen bin ich in der Zwischenzeit so überzeugt, daß ich am Aufbau eines Kindergartens und einer Schule als Bildungs- und Erziehungsalternative beteiligt bin.

Auch mit der Anthroposophie, der Grundlage der Waldorfpädagogik und mit Rudolf Steiner habe ich mich intensiv beschäftigt und eine meiner Töchter war 3 ½ Jahre Schülerin an einer Waldorfschule. Die Reformpädagogik Maria Montessoris ist mir ebenfalls bekannt. Alle diese Alternativen zur herkömmlichen Schule haben allgemein das Ziel, das Kind zu unabhängigen, selbstbewußten Menschen zu erziehen, die das Lernen gelernt haben. Die "Staatsschule" stellt sich dieses Ziel zwar so ähnlich auch, aber für mich ist es immer mehr so, daß eine "Elite" herausgebildet wird und den "Rest" läßt man auch etwas lernen. Sind diese dann die besten Staatsbürger? Unbestritten steht bei jeder Arbeit mit Menschen auch das Engagement jedes Einzelnen zur Beachtung - aber durch Lehrerumsetzungen, höhere Schülerzahlen, Mehrarbeitszeit bleibt die Erziehung der Kinder auf der Strecke.

Solange wir in diesem Lande mit dieser Gesellschaft leben, sollten wir also unbedingt auch hier unsere Möglichkeiten nutzen und eben die Alternativen für die Bildung nutzen - also ausbauen und praktizieren. Mit der Vorstellung, Schule und/oder Schulpflicht abzuschaffen, habe ich meine Probleme. Auf Grund meiner Tätigkeit weiß ich von unzähligen Elternhäusern, die nicht in der Lage zu sein scheinen, sich in geeigneter Form um ihre Kinder zu kümmern. Ich weiß, daß ich diese Kinder mit Schulpflicht auch nicht zwangsläufig vor ihrem "vorgezeichneten" Lebensweg schützen kann, aber ihre Chance scheint mir in den meisten Fällen etwas größer zu sein. (Die Formulierung des "Sachverhaltes" fällt mir hier besonders schwer, weil ich nicht verallgemeinern und allgemein schlußfolgern will und kann.)

Beim Nachdenken und Schreiben fällt mir ein, daß wir in der Diskussion über das Kind in der Mediengesellschaft immer von "normalen" Kindern gesprochen haben. Bei notwendigen, weiterführenden Diskussionsrunden sollten wir auch Kinder, die anders sind, bedenken und dann müßte meines Erachtens mindestens auch der Begriff - Integration - in die Diskussion aufgenommen werden.

Beitrag von Dr. Frank Wesenberg

Unsere Tochter ist jetzt knapp 8 Jahre alt und ihre Hauptfreizeitbeschäftigung ist Fernsehen, Video- und Game-Boy-Spiele. Was stört uns? Wenn wir ehrlich sind stört uns, daß sie zu viel elektronische Medien nutzt. Medieneinfluß wird von uns praktisch auf die elektronischen Medien und ihre Vielfalt reduziert.

Als Vergleichsmaßstab nehmen wir unsere eigene Kindheit, die bekanntlich nur einen Bruchteil der heutigen Möglichkeiten auf diesem Gebiet bot.

Schnell sind wir der Ansicht, daß unser Kind gar nicht in der Lage ist, alles gesehene zu verarbeiten und erregen uns darüber, daß insbesondere Actionfilme und- spiele besonders hoch im Kurs stehen. Auf der anderen Seite sind wir nicht selten froh darüber, daß bereits in den frühen Morgenstunden auf allen Fernsehkanälen Kinderprogramme laufen. Denn dadurch wird uns der "notwendige Freiraum" gegeben, unseren Aufgaben und Vorstellungen von Freizeitgestaltung nachzugehen.

Wir wissen genau, wie unsere Tochter ihre Freizeit besser gestalten könnte, aber wir nehmen uns ganz einfach nicht die Zeit, mit ihr diese bessere Freizeitgestaltung zu realisieren. Das beste Beispiel dafür ist, daß unsere Tochter, wenn sie bei den Großeltern ist, nur sehr wenig vor dem Fernseher sitzt, weil diese sich Zeit dafür nehmen, mit ihr gemeinsam zu spielen. Sobald sie aber wieder zu Hause angekommen ist, geht ihr erster Weg zum Fernseher.

Ein weiteres "Problem" sehe ich darin, daß unsere Tochter heute weit mehr elektronische Geräte zur Verfügung hat, als wir in unserer Kindheit. Unser Interesse z.B. für Videospiele und den Gams-Boy hält sich in engen Grenzen. Da wir wenig Interesse an diesen Dingen haben, ist es uns auch unverständlich, wie sie sich stundenlang damit beschäftigen kann. Unser Desinteresse lassen wir sie spüren. Wir nehmen kaum Anteil an ihrer Freude, wenn sie es endlich geschafft hat, in der soundsovielten Welt anzukommen.

Das Problem Medienvielfalt und ihr Einfluß auf die Entwicklung unserer Kinder ist in erster Linie ein Problem, wie wir uns als Erwachsene dazu stellen. Denn es wird uns auf die Dauer nicht gelingen, selbst wenn wir es wollen, unsere Kinder vom Zugang zu ihnen fernzuhalten. Wir müssen uns klar darüber werden, daß die Vielfalt zukünftig nicht abnehmen, sondern zunehmen wird. Wollen wir, daß die Medien sinnvoll genutzt werden, dann heißt das, daß wir uns gemeinsam mit unseren Kindern mit ihnen beschäftigen und Alternativen vorleben.

Beitrag von Sigrun Lingel

Je mehr ich mich in Vorbereitung auf die Veranstaltung am 27.04.1996 mit dem Thema beschäftigte, um so deutlicher trat für mich die Frage in den Vordergrund, ob das "Fernsehen der Kinder" nicht eigentlich das Problem von uns Erwachsenen ist. Ich neige dazu, diese Frage mit ja zu beantworten, auch wenn mir bewußt ist, daß die Kinder von heute die Erwachsenen von morgen sind, und in sofern wird es spätestens dann natürlich auch ihr Problem.

In den zahlreichen Gesprächen vor der Veranstaltung spürte ich gerade unter den "Linken" Angst im Bezug auf den Umgang mit Medien. Mann/Frau ist stolz, Kinder ohne Fernseher/Computer erziehen zu können. Dabei verschließen diese oft die Augen vor der Tatsache, daß sich ihre Kinder bei Nachbarskindern holen, was sie zu Hause nicht finden. Dort ist dann fernsehen unbegrenzt möglich und ein Gespräch mit ihren Kindern über das Gesehene kommt nicht zustande, weil sie sich selbst ausgrenzten.

Dabei besagt meine Erfahrung, daß Kinder nicht ständig vor dem Fernseher sitzen, wenn Eltern es verstehen, das Leben zu Hause abwechslungsreich zu gestalten. Hier liegt möglicherweise das tatsächliche Problem: Eltern sind heute durch Berufstätigkeit sowie gesellschaftliches Engagement so gestreßt, daß sie oft die Kraft nicht finden, auch noch in den eigenen vier Wänden viele Aktivitäten zu entwickeln. Eigentlich ist es uns schon lange bewußt, nur diese Tatsache unterstreicht es noch einmal, wollen wir den Kindern etwas Gutes tun, müssen wir die Eltern zeitlich entlasten, daß heißt, Arbeit, ob im Beruf oder in der Gesellschaft muß besser verteilt werden.

Ich bin davon überzeugt, daß sich die Welt verändern läßt, wenn wir die Kinder nicht zu unserem eigenem Spiegelbild erziehen. Artikel 2 des Grundgesetzes schreibt fest: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt ..." und Artikel 4 regelt: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." Was aber heißt dies für das Kind? Schränken Eltern nicht genau diese Grundrechte ein, indem sie die Kinder taufen lassen, indem sie entscheiden, welche schulische Laufbahn sie einschlagen sollen ... Erteilen diese Grundrechte den Eltern (und der Gesellschaft) nicht doch die Pflicht, Kindern neben der eigenen Weltanschauung, der eigenen Religion auch andere Weltanschauungen und andere Religionen nahezubringen, damit das Kind tatsächlich frei entscheiden kann? Erteilen diese Grundrechte den Erziehenden nicht doch die Pflicht, dem einzelnen Kind eine allseitige Bildung und Erziehung, möglichst ohne Schwerpunktsetzung, zukommen zu lassen, damit das Kind im rechtem Alter tatsächlich frei entscheiden kann? Ich denke schon und sehe, daß gerade Eltern (und die Schule) die Grundrechte ihrer Kinder massiv beschneiden.

Je mehr ich mich mit dem Thema Schule beschäftige, um so mehr glaube ich, daß diese tatsächlich nicht zu retten ist. Eltern haben heute lediglich die Wahl, zwischen den schlechten Schulen das kleinste Übel für ihr Kind zu wählen. Ich bin gegen eine Schulpflicht, welche möglicherweise notwendig war, jedoch heute ihren Sinn verloren hat. Sie wird vom Staat auch nicht durchgesetzt, nachzuvollziehen ist dies bei "Schule schwänzenden" Kindern der Förderschulen für Lernbehinderte. Dort fehlen auffallend oft immer wieder die selben Kinder grundlos, ohne daß der Staat die Schulpflicht durchsetzt bzw. durchsetzen kann. Auch in anderen Schulformen fehlen immer häufiger Kinder, eventuell werden die Eltern mit einer Ordnungsstrafe belegt, nur bringt diese die Kinder auch nicht zurück in die Schule. Daß auch "Linke" ihr Herz an die Schulpflicht hängen, hat für mich den faden Beigeschmack, Kinder zu "ihrem Glück" zwingen zu wollen, und damit verbunden, daß wir wissen, was Glück ist. Von diesem Denkansatz möchte ich mich gern verabschieden.

Ich finde den Gedanken von Dieter Strützel interessant, in jeder Kommune Lern- und Begegnungszentren einzurichten, ganz abgesehen davon, daß damit auch nicht mehr der massenhafte Transport von Kindern auf Deutschlands unsicheren Straßen notwendig wäre. Diese Zentren im Zusammenhang mit dem Modell des Bildungsgutscheines sowie der von der PDS geforderten sozialen Grundsicherung gedacht, könnte durchaus ein interessanter Lösungsansatz für die Zukunft von Kindern sein.

Beitrag von Mario Hesselbarth

Ich gehöre ja zu denen, die nicht ständig mit unserer "heutigen Zielgruppe", also mit Kindern, zusammenkommen. Aber gerade während dieser wenigen Gelegenheiten, in Ferienlagen oder bei anderen Anlässen, wird mir immer deutlich, daß Kinder das eigentliche Spiegelbild der Gesellschaft sind und vielleicht schon immer waren. Aufgrund ihrer Offenheit und Ehrlichkeit reflektieren sie die Realitäten innerhalb der Gesellschaft viel offener und drastischer. Wenn heute soviel über die zunehmende Gewalt unter Kindern bis hin zur Jugendkriminalität geklagt wird, so wird eben übersehen, daß es in dieser Gesellschaft sehr viel Gewalt gibt. Es ist eben so wie Postman schreibt, daß Kinder über Medien an alle Informationen herankommen. Die Erwachsenen können ihnen also keine heile Welt vormachen, Kinder sehen die wirkliche Welt im Fernsehen. Und mit dieser Tatsache scheint die Gesellschaft offenbar nicht zurecht zu kommen. Auch Linke sind sich nicht schlüssig, ob sie diesen Umstand als Fortschritt oder als Gefahr ansehen sollen. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, einen anderen Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu praktizieren.

Ich versuche während der 14 Tage, in denen ich Kinder in ihren Ferien betreue, dies bewußt zu tun, sie bewußt als "Rechtsperson" zu behandeln. Dies ist nicht immer leicht, denn gerade in den ersten Tagen testen sie ja die Grenzen aus. Wie weit können sie gehen, an welchem Punkt läßt sich der neue "Aufpasser" herauslocken. Aber selbst mit den größten Dummheiten, zumindest in unserem Verständnis als "Erwachsene", lasse ich mich nicht herauslocken, solange andere nicht verletzt werden. Und die Erfahrung, die ich gesammelt habe, lautet, daß sie nach 2 bis 3 Tagen die Motivation verlieren, mit solcherart Provokationen aufzufallen, ganz einfach, weil sie mich damit nicht beeindrucken. Erstaunlich ist, wie viel Kreativität sie dann entwickeln, wenn es um wirklich sinnvolle Dinge geht. Denn es ist doch so, stelle heute mal einen 12 jährigen unabhängig davon, ob er vom Dorf oder aus der Stadt kommt, in einen Wald und fordere ihn auf, dort zu spielen. Vielfach kommen sie mit dieser Umgebung nicht zurecht. Zeigst Du ihnen aber, was dort alles möglich ist, dann legen sie von selbst ihre Computerspiele weg und fordern nach einigen Tagen von Dir, mit ihnen in den Wald zu gehen, was auch wieder anstrengend ist, da Du gerade versuchst, mit ihren Gameboys zurechtzukommen.

Wo aber hört die Kindheit auf. Ich denke in dem Moment, in dem ein Kind das erste mal in seinem Leben die Erfahrung macht, daß es durch Ehrlichkeit Schwierigkeiten bekommt. Diese Erfahrung hat jede/r gemacht, daß die Wahrheit gesagt wurde und dennoch gemaßregelt wurde. Natürlich kommen Kinder dann zu der Erkenntnis, daß es für sie einfacher ist, auch mal nicht die Wahrheit zu sagen. Kinder sagen sich schon gegenseitig, wenn sie sich nicht ausstehen können. Erwachsene untereinander sind da viel vorsichtiger, mit unter auch verlogener.

Noch etwas zur Frage der Chancengleichheit in der Schule: Ich will ja nicht mit Totschlagargumenten kommen, aber schon der alte Marx hat festgestellt, daß es keine Gleichheit unter den Menschen geben kann, da sie sonst keine Individuen wären. Wenn wir also darüber nachdenken, was wir unter Chancengleichheit verstehen, dann würde ich formulieren:
Die Chance für jede und jeden, sich nach seinen Interessen zu entwickeln.